Nach Luftangriffen und Artilleriebeschuss hat die Türkei Bodentruppen in den Norden Syriens einmarschieren lassen, um kurdische Milizen zu bekämpfen. Das bestätigte das türkische Verteidigungsministerium in Ankara über Twitter. "Unsere heldenhaften türkischen Streitkräfte und die Nationale Syrische Armee haben im Rahmen der Operation Friedensquelle ihre Bodenoffensive im Osten des Euphrat begonnen", hieß es in der Mitteilung. Mit der Nationalen Syrischen Armee sind von der Türkei unterstützte syrische Rebellen gemeint.

Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte meldete heftige Kämpfe zwischen türkischen Truppen und Einheiten der von Kurdenmilizen angeführten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) am Eingang und in der Umgebung der Stadt Tall Abjad nahe der türkischen Grenzstadt Akçakale. Der Sprecher des SDF, Mustafa Bali, wies aber Meldungen syrischer Rebellen zurück, wonach diese gemeinsam mit der türkischen Armee in Tall Abjad eingerückt seien. Der türkische Bodenangriff sei zurückgeschlagen worden, schrieb er auf Twitter. Weiterhin teilte Bali mit, die türkische Armee habe die Umgebung eines Gefängnisses beschossen, in dem die "gefährlichsten Dschihadisten" der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) festgehalten würden. Die SDF-Truppen hatten bei ihren Operationen gegen die Terroristen Tausende IS-Anhänger gefangen genommen.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan hatte den Start des lange geplanten Militäreinsatzes am Nachmittag vor der Offensive per Twitter bekanntgegeben. Ziel des Einsatzes ist die kurdische YPG-Miliz, die auf syrischer Seite der Grenze ein großes Gebiet kontrolliert. Die Türkei sieht in ihr einen Ableger der dort verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK und damit eine Terrororganisation. "Unser Ziel ist es, den Terrorkorridor, den man an unserer südlichen Grenze aufbauen will, zu zerstören und Frieden und Ruhe in die Region zu bringen", schrieb Erdoğan. Das türkische Verteidigungsministerium teilte am späten Abend mit, bislang seien 181 Ziele der kurdischen Milizen getroffen worden.

Militäroffensive - Tausende Menschen nach türkischer Offensive in Syrien auf der Flucht Nach türkischen Luftangriffen fliehen die Menschen aus der nordsyrischen Grenzregion. Augenzeugen berichten, Tausende verließen die Städte Ra’s al-Ain und Tal Abjad. © Foto: Rodi Said/Reuters

In den ersten Stunden der Angriffe sollen mindestens zehn bis 15 Menschen getötet worden sein, darunter mehrere Zivilistinnen und Zivilisten, die Angaben variierten. Aktivistinnen und Aktivisten des Rojava Information Center in Nordostsyrien berichteten von sieben getöteten Zivilpersonen und drei Kämpfern. Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte meldete acht getötete Zivilistinnen und Zivilisten, darunter zwei Kinder. Des Weiteren seien laut der Beobachtungsstelle sieben kurdische SDF-Kämpfer gestorben. Die Menschenrechtlerinnen und Menschenrechtler berichteten zudem von mehr als 40 Verletzten, 13 von ihnen sollen Zivilistinnen und Zivilisten sein.

In Wohngegenden nahe der Grenze flüchteten Menschen in Autos oder Rikschas. Einige hatten Matratzen und ein paar Besitztümer auf dem Dach. Darunter waren Menschen, die erst vor wenigen Jahren vor der Terrormiliz IS geflüchtet waren. Nahe der Stadt Kamischli stieg Rauch auf. Aktivisten berichteten von einer Explosion. Am Abend gab es Brände in einem Stadtviertel, augenscheinlich ausgelöst durch den Beschuss. SDF-Sprecher Mustafa Bali sprach von einer "großen Panik" in der Region, ausgelöst durch türkische Luftangriffe auf "zivile Gebiete".

Deutschland und EU verurteilen die Invasion

International löste die Offensive vielfache Kritik aus. Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) sagte in Berlin: "Die Türkei nimmt in Kauf, die Region weiter zu destabilisieren und riskiert ein Wiedererstarken des IS." Es drohe eine weitere humanitäre Katastrophe sowie eine neue Fluchtbewegung. "Wir rufen die Türkei dazu auf, ihre Offensive zu beenden und ihre Sicherheitsinteressen auf friedlichem Weg zu verfolgen."

Die Mitgliedsstaaten der EU haben die Türkei in einer gemeinsamen Erklärung zum Abbruch der Militäroffensive aufgefordert. "Erneute bewaffnete Auseinandersetzungen im Nordosten werden die Stabilität in der ganzen Region weiter untergraben, das Leiden der Zivilisten verschlimmern und zusätzliche Vertreibungen provozieren", heißt es in der Stellungnahme. Die Türkei gefährde die Erfolge der internationalen Koalition gegen den IS. 

Der Weltsicherheitsrat will am Donnerstag hinter verschlossenen Türen über die türkische Offensive sprechen, wie aus UN-Diplomatenkreisen verlautete. Die fünf europäischen Mitgliedsländer des Rats – Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Belgien und Polen – hätten das Treffen beantragt. Nach Angaben der Arabischen Liga planen Außenminister aus der Region für Samstag ein Treffen. 

Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg sagte, die Türkei müsse sicherstellen, dass ihr Vorgehen verhältnismäßig und maßvoll sei. Er will am Freitag in Istanbul mit Erdoğan über die Militäroffensive sprechen. Die Türkei ist Nato-Mitglied.

USA holen gefangene IS-Kämpfer aus Syrien

Auch die USA verurteilen den Angriff. US-Präsident Donald Trump sagte, die Offensive sei "keine gute Idee". Zuvor hatte er in dem Gebiet stationierte US-Soldaten abziehen lassen, um sie nicht in Kämpfe zwischen türkischen und kurdischen Einheiten zu verwickeln. Trumps Angaben zufolge hatten die USA zuvor außerdem einige der gefährlichsten Kämpfer der Terrormiliz IS aus Nordsyrien an einen unbekannten Ort gebracht. Die Gefangenen könnten dort bewacht werden, während die Türkei in Syrien einmarschiere, teilte Trump mit, ohne Details zu nennen.

Später teilten US-Vertreter mit, dass es sich bei den Gefangenen unter anderem um zwei bekannte britische Kämpfer der Terrormiliz IS handelt. Die als "The Beatles" bekannten Kämpfer seien zusammen mit anderen britischen Dschihadisten aus Syrien herausgeholt worden, hieß es. Sie sollen einer Gruppe angehören, die Geiseln gefoltert und geköpft haben soll.

Demokratische und republikanische Senatoren des US-Kongresses bereiteten derweil eine parteiübergreifende Resolution für Sanktionen gegen die Türkei vor. So wollen sie US-Waffenverkäufe an die Türkei stoppen, um die Türkei für ihre Invasion in Nordsyrien zu bestrafen, sagte der demokratische Senator Chris Van Hollen. Zusätzlich spreche er mit dem republikanischen Senator Lindsey Graham darüber, andere Länder zu bestrafen, die der Türkei Waffen verkaufen. Außerdem wollen die Senatoren den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan persönlich mit Sanktionen belegen. Der Entwurf für die Resolution sieht vor, dass etwaiger Besitz Erdogans, des türkischen Vizepräsidenten und mehrerer Minister in den USA eingefroren würde. Außerdem würden Visabestimmungen für die politische Führung des Landes verschärft. Bereits in den vergangenen Monaten waren die USA aufgrund russischer Waffenverkäufe an die Türkei auf Distanz zu dem Nato-Partner gegangen.

Syrien - Türkei startet Offensive gegen Kurdenmiliz YPG Das türkische Militär will mit dem Übertreten der türkisch-syrische Grenze dort eine sogenannte Sicherheitszone schaffen. Die syrische Regierung drohte zurückzuschlagen. © Foto: Baderkhan Ahmad