Auf der Trauerfeier für die vier Polizisten, die am vergangenen Wochenende von einem radikalisierten Kollegen erstochen wurden, sprach Frankreichs Präsident weitreichende Worte aus: "Wir müssen eine wachsame Gesellschaft werden", sagte Emmanuel Macron. "Alle müssen aufmerksam sein, wenn jemand abdriftet." 

Seit ein Mitarbeiter der Geheimdienste in Paris seine Kollegen mit einem Keramikmesser ermordet hat, ist klar: Frankreichs Polizei und Überwachungsdienste haben die Erfassung von Terroristen nicht im Griff. Der Täter Mickaël Harpon arbeitete seit sechzehn Jahren beim Geheimdienst – mitten im Zentrum der Behörde, deren maßgebliche Aufgabe es ist, Terroristen zu erkennen und aufzuspüren. Im Fall von Harpon hat sie versagt. Nun also, so Macrons Botschaft, sollen "alle aufpassen".

Nach einem internen Bericht der Pariser Polizei an Innenminister Christoph Castaner, direkt nach dem Attentat erstellt, ist der Attentäter durch alle Raster gefallen. Seit seinem Arbeitsbeginn 2013 hatte er Zugang zu als geheim eingestuften Dokumenten. In seiner Wohnung wurden USB-Sticks gefunden, auf denen sich sensible Daten und persönliche Informationen über seine Kollegen fanden. 

Die Anzeichen waren da

Offenbar hat sich Harpon vor den Augen der Terrorspezialisten radikalisiert – unbemerkt, obwohl es mehrere Anlässe gegeben hätte, ihn unter die Lupe zu nehmen und als Gefährder einzustufen. Schon 2008 hatte ihn seine Frau wegen gewaltsamer Übergriffe angezeigt, ihre Klage aber später zurückgezogen. Viel eindeutiger noch war allerdings sein Verhalten nach dem Angriff auf die Redaktion der Satirezeitung Charlie Hebdo: Harpon habe, so steht es in dem Bericht, vor seinen Kollegen gesagt, die Erschießung von zehn Journalisten und zwei Polizisten sei "richtig" gewesen.

Die Beamten sollen danach über die Aussagen von Harpon mit ihrem Vorgesetzten gesprochen haben, einem Mann, der normalerweise ganz Paris nach Radikalisierten absucht. Aber gemeinsam kamen sie zu dem Schluss, keine schriftliche Eingabe zu machen und die Sache fallen zu lassen. Kurz darauf wandte sich Harpon dem radikalen Islam zu – fortan schüttelte er keiner Frau mehr die Hand. Auch diese Verhaltensänderung führte zu keiner Ermittlung.

Ein Täter aus der Mittelschicht

Es scheint, als habe in Frankreichs Innenministerium und den untergeordneten Behörden bislang niemand wahrhaben können, dass die terroristische Bedrohung nicht immer von schlechter gestellten jungen Männern aus der Vorstadt ausgehen muss, wie es bei den Angriffen im September 2015 auf den Pariser Konzertsaal Bataclan oder dem Lkw-Attentat in Nizza 2016 der Fall war. Nein, dieses Mal hat ein Beamter den Anschlag ausgeführt, ein 43-Jähriger aus der Mittelschicht. 

Das erschien Castaner so unwahrscheinlich, dass er noch kurz nach dem Attentat mitteilte, es gebe keine Anzeichen für einen terroristischen Hintergrund. Der Täter habe aus persönlicher Frustration gehandelt. Wenige Stunden später ermittelte dann die Anti-Terror-Einheit der Pariser Polizei. Und Castaner musste einräumen, dass er sich geirrt hatte.

"Es gab einige Versäumnisse in der Polizei", sagte der Innenminister am Sonntag in der Hauptnachrichtensendung. Er und die Regierung deuten nun an, welche Schlüsse sie aus dem Attentat ziehen: Polizisten mit Zugang zu sensiblen Daten sollen besser überprüft werden. Und künftig sollen alle Meldungen über auffällige Kollegen direkt als Warnung gespeichert und weiterverfolgt werden

Aber wie radikalisiert sind Frankreichs Polizisten? In einem Bericht von 2018 über die "Radikalisierung im öffentlichen Dienst" waren die Zahlen noch wenig alarmierend: Von den 150.000 Polizisten wurden damals nur 28 von den Geheimdiensten beobachtet. In der Pariser Polizei waren es 15. Die Gefährdung, die von der Polizei ausging, wurde als sehr gering eingeschätzt. Doch womöglich geben solche Zahlen die tatsächliche Bedrohungslage nicht wieder.