Die Demonstrantinnen und Demonstranten in Hongkong sind erschöpft. Familien sind zerrissen, zuletzt wurde die Wut auf die Regierung mit jedem Tag größer. Als "Tag der kollektiven Trauer" hatten die Protestierenden den Dienstag angekündigt – doch als gegen 13 Uhr in der Einkaufsmeile Causeway Bay Fahnenträger einmarschieren, kommt zunächst triumphale Feierstimmung auf.

Johlend weicht die schwarz gekleidete Menge beiseite und macht Platz: zuerst der blauen Flagge der Vereinten Nationen, dann den Flaggen Portugals, Deutschlands, Kanadas, Japans, Schwedens, Südafrikas, Mexikos, Indonesiens, natürlich dem Union Jack, der US-Flagge und einigen anderen mehr. "Schaut her, Länder der Welt!", könnte man die Botschaft lesen, oder: "Seht her, die Welt hält zu uns!"

Tatsächlich waren zwei Tage zuvor Menschen in 40 Städten weltweit in Solidarität mit der #FreeHongkong-Bewegung auf die Straße gegangen, von A wie Auckland bis W wie Winnipeg. Der US-Kongress wird sehr wahrscheinlich ein Sanktionspaket verabschieden, das sich gegen führende chinesische Kader und Hongkonger Establishment-Politiker richtet.

Seit Monaten steht es Unentschieden zwischen den jungen maskierten Protestierenden und dem chinesischen Regime. Schon ebenso lange liegt die Gefahr eines Militäreinsatzes über der Stadt. Noch vor wenigen Monaten hätte niemand gedacht, dass im Juni Millionen Hongkonger gegen das damals geplante Auslieferungsgesetz demonstrieren würden, dass die Regierung es erst auf Eis legen und schließlich vollständig zurücknehmen würde – und erst recht hätte niemand geglaubt, dass die Bewegung bis zum 1. Oktober durchhalten würde, dem sakrosankten 70. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik, auf den Chinas kommunistische Führung seit Monaten hinfieberte. Allein das ist schon ein Erfolg.

"Ich werfe mich zwischen euch und die Kugeln"

Am Tag zuvor nehmen Tausende Teenager an einem Schülerstreik im Charter Garden im Finanzdistrikt Central teil. Unter ihnen ist Nam, 15 Jahre alt. Er sitzt am Rande der Kundgebung in voller Kampfmontur: Fahrradhelm, Taucherbrille, vollmaskiert bis auf die zarten Augen. 

"Wenn ihr morgen mit mir auf die Straße geht, werde ich mich zwischen euch und die Kugeln werfen. Ihr werdet kein Tränengas inhalieren. Ihr werdet nicht verhaftet werden", verspricht er auf einem Schild, das er Passanten entgegenhält. An den vergangenen Wochenenden sind viele Gemäßigte zu Hause geblieben, weil die Polizei inzwischen fast jede Demonstration verbietet. Auch der große Protestmarsch für den 1. Oktober wurde untersagt. Der Einspruch der Organisatoren scheiterte in letzter Minute. Doch Nam hofft, dass die Demonstranten sich davon nicht abschrecken lassen.

Regierungschefin Carrie Lam war bereits am Montag mit einer Maschine von Air China nach Peking geflogen, zusammen mit einer 240-köpfigen Delegation aus Abgeordneten des Pro-Peking-Establishments und mächtigen Unternehmern. Während der Militärparade zum Nationalfeiertag sitzt sie dann weit vorne. Auf Fotos sieht die Regierungschefin in einem geblümten Seiden-Cheongsam und einer roten Jacke so glücklich und strahlend aus wie seit Monaten nicht.   

In Hongkong aber demonstrieren sie. Dabei hatte Peking die Demonstranten als Terroristen verunglimpft, die Hongkonger Polizei hatte am Montagabend vor angeblichen Bombenanschlägen gewarnt, und Regierungshacker hatten das LIHKG-Forum lahmgelegt, die digitale Schaltzentrale der Bewegung. Elf Metrostationen waren vorsorglich geschlossen worden. Im Laufe des Tages sollten noch Dutzende weitere folgen.

Gewalttätigste Proteste seit Juni

Doch nichts hat geholfen: Bis in die späten Abendstunden ziehen wieder Zehntausende durch die Straßen Hongkongs – und erneut wird die Stadt zum Schlachtfeld. Es sollen die gewalttätigsten Proteste seit dem Beginn der Bewegung im Juni gewesen sein. Schon am Mittag eskalieren die Demonstrationen vor dem Hongkonger Regierungshauptgebäude, setzt die Polizei Tränengas und Wasserwerfer ein, um die Protestierenden auseinanderzutreiben. Doch allein die Tatsache, dass die Bewegung an diesem 1. Oktober noch da ist, fühlt sich für die Demonstranten zunächst wie weiterer kleiner Sieg an.

In der Einkaufsmeile Causeway Bay schiebt sich Nam durch die Massen, allein, nur mit Pepe, dem Comicfrosch, am Gürtelbund, der inoffiziellen Schutzfigur der Demokratiebewegung. Einen Rucksack und einen Badminton-Schläger hat Nam dabei, er trägt transparente Sneakerhüllen über seinen Nike Air Jordans: Schutz gegen die schlumpfblaue Farbe aus den Wasserkanonen der Polizei.