Neu ist zum Beispiel diese Szene, beobachtet in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag: Vor einem brennenden Container an der Gran Vía in Barcelona machen ein paar junge Männer Selfies von sich in Siegerpose. Zuvor haben sich auf der sechsspurigen Straße etwa zwei Stunden lang gut 1.000 Demonstranten und ein paar Dutzend Bereitschaftspolizisten der spanischen und katalanischen Polizei gegenübergestanden. Es sind Pflastersteine geflogen, Glasflaschen, Feuerwerkskörper, sogar Teile von Baugerüsten. Die Polizei hat mit Gummigeschossen gefeuert und sich dann zurückgezogen. 

Seit vier Tagen kommt es in Barcelona und anderen katalanischen Städten zu Krawallen. Barrikaden brennen, Demonstranten liefern sich Straßenschlachten mit der Polizei. Es sind fast ausschließlich junge Leute, zwischen 17 und Anfang 20, die in dieser Nacht unterwegs sind. Die meisten haben sich ein Tuch ums Gesicht gebunden, viele tragen Motorrad- oder Bergsteigerhelme. Manche sind im Netz den Aufrufen der CDR, den sogenannten Komitees zur Verteidigung der Republik gefolgt, andere mit Freunden mitgekommen. Die Proteste der katalanischen Separatisten gegen die hohen Haftstrafen für neun Politiker und Aktivisten haben eine neue Qualität erreicht.

"Wir wollen unsere Wut brennen sehen"

"Som gent de pau", katalanisch für: "Wir sind friedliche Leute": Das war bis vor Kurzem einer der Slogans der Unabhängigkeitsbewegung im Nordosten Spaniens. Tatsächlich gab es während der Großdemonstrationen der vergangenen Jahre, zu denen manchmal Hunderttausende Menschen kamen, kaum Zwischenfälle, der Protest wurde überwiegend mit Kerzen, Mahnwachen und inbrünstig vorgetragenen Liedern aus dem antifranquistischen Widerstand inszeniert.

Doch seit das oberste Gericht Spaniens am Montag hohe Haftstrafen von 9 bis 13 Jahren gegen neun katalanische Politiker und Aktivisten verhängt hat, hat sich die Stimmung auf den katalanischen Straßen deutlich zugespitzt. Jeden Abend posten beide Seiten neue Fotos und Filme, die die Proteste zeigen sollen: In Barcelona wird ein Bekleidungsgeschäft geplündert, eine Bankfiliale zerstört. In Tarragona fährt die katalanische Polizei Demonstranten an, die Ermittlungen laufen. Demonstranten schleudern Molotowcocktails und mit Säure gefüllte Flaschen auf die Polizei.

"Bisher kannte man brennende Barrikaden und Straßenkämpfe in Barcelona vor allem im Rahmen von Generalstreiks oder Studierendenmobilisierungen", sagt der Sozialwissenschaftler Jordi Mir Garcia von der Universität Pompeu Fabra. Am Freitag findet in Katalonien wieder ein solcher Generalstreik statt. Am Flughafen Barcelona, beim Autohersteller Seat und zahlreichen weiteren Firmen im Land legen Menschen die Arbeit nieder. Der letzte Generalstreik war Anfang Februar dieses Jahres. Damals wurde der Aufruf kaum befolgt, es blieb weitgehend ruhig. Nach dem Urteil ist die Stimmung deutlich angespannter. Wegen der Randale wurde nun sogar das Aufeinandertreffen des FC Barcelona mit seinem Rivalen Real Madrid am kommenden Wochenende in Barcelona abgesagt.

Sozialwissenschaftler Mir spricht von einer tief sitzenden Frustration bei den rund zwei Millionen Anhängern der Unabhängigkeit und deren Erkenntnis, dass es gewaltige Bilder braucht, um in internationalen Medien Aufmerksamkeit für die katalanische Sache zu schaffen. Die Proteste in Barcelona seien zwar weder zielgerichtet noch strategisch geplant, bedienen aber das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit. "Wir wollen unsere Wut brennen sehen": So formuliert es am Mittwochabend einer der vermummten Demonstranten. 

Katalanische Polizei gegen katalanische Demonstranten

An einer Straßenecke in Barcelona tritt am nächsten Morgen ein Anwohner aus dem Eingang und löscht mit dem hauseigenen Feuerlöscher die Reste eines brennenden Containers. Bereitet es ihm Sorge, dass sich sein Viertel jede Nacht in ein Schlachtfeld verwandelt? Der Mann, Anfang 50, guckt verständnislos. Nicht die Krawalle, sondern die hohen Haftstrafen für die katalanischen Politiker und Aktivisten wegen der Organisation eines illegalen Unabhängigkeitsreferendums machten ihn wütend. "Sie haben friedliche Mobilisierungen organisiert und werden dafür wegen Aufruhrs verurteilt: Dann kann man auch gleich richtig Rabatz machen", antwortet er. "Wäre ich 25 Jahre jünger, wäre ich auch dabei."

Ganz anders sieht das eine Anwohnerin eine Straßenecke weiter. "Die zetteln hier noch einen Bürgerkrieg an", schimpft sie. "Das kommt davon, wenn man über Jahre die Jugendlichen politisch indoktriniert." Sie sei Katalanin, fügt sie hinzu, "mit acht katalanischen Vorfahren". Aber was gerade in der Stadt passiere, sei nicht mehr tragbar. Die Regionalregierung müsse sofort zurücktreten.

Doch der separatistische Regionalpräsident Quim Torra hat die Gewalt erst am dritten Tag der Ausschreitungen verurteilt. Zuvor hatte er immer wieder den Demonstranten sein Verständnis versichert, selbst zu Protesten aufgerufen – und gleichzeitig die katalanische Regionalpolizei Mossos gegen die Demonstranten geschickt. Er erkenne den Widerspruch, aber solange Katalonien kein eigener Staat sei, müsse er sich den gesamtstaatlichen Sicherheitsvorschriften beugen, sagte er auf einer exklusiv für die internationale Presse einberufenen Konferenz. Einige Journalisten reagierten mit irritiertem Kopfschütteln.