"Hände weg von Syrien", hatte Michail Fedortschenko auf sein Plakat geschrieben, bevor er zur türkischen Botschaft in St. Petersburg aufbrach. Die Truppen von Recep Tayyip Erdoğan hatten da gerade die syrische Grenze überquert, aus dem Kreml war vorsichtiges Verständnis für diese Invasion zu hören. Fedortschenko richtete seine Botschaft deshalb auf Englisch gleich an drei Präsidenten: die der Türkei, der USA und Russlands.

Der 25-Jährige protestierte allein, dafür braucht es keine Genehmigung der Behörden. "Für mich war das eine absolut harmlose Aktion", sagt Fedortschenko heute. "Als ich dann mit einem Journalisten sprach, kamen plötzlich Polizisten auf mich zu und sagten, sie hätten eine Beschwerde bekommen und ich solle mitkommen." Dass die Festnahme illegal war, wussten auch die Polizisten und ließen den jungen Russen nach vier Stunden ohne Protokoll wieder gehen. "Es lag eine Verwechslung vor", lautete die Begründung.

Fedortschenko gehört zu den wenigen Russen, die sich öffentlich gegen die Beteiligung ihres Landes am Krieg in Syrien aussprechen. Nicht nur, weil Proteste in Russland schnell zu Konflikten mit den Sicherheitsbehörden führen. "Große Teile der Opposition sind zu sehr mit den inneren Problemen befasst", glaubt der Petersburger. "Wen interessiert Syrien, wenn man zu Hause politische Gefangene und Wahlfälschung hat?" In den vergangenen Jahren hat es weder in Moskau noch in anderen Städten größere Demonstrationen gegen Russlands Syrien-Feldzug gegeben. Der letzte Versuch der Opposition, eine größere Friedenskundgebung in Moskau auf die Beine zu stellen, das war 2016 – und er scheiterte, weil die Stadtregierung den geplanten Ort für die Demo nicht genehmigt hatte. Dabei wollten sie damals lediglich fordern, dass Russlands Militäreinsatz sich allein gegen Terroristen richtet.

Großer Mangel an Informationen

Passend dazu stilisiert sich Wladimir Putin in diesen Tagen zum Friedensstifter, nachdem er gemeinsam mit Erdoğan das Schicksal Nordsyriens besiegelt hat. Kremlnahe Experten und staatliche Medien feiern den russischen Präsidenten als geschickten Strategen, der großes Blutvergießen verhindert und den Syrien-Krieg im Interesse des Kremls fast entschieden habe. Dabei nimmt die russische Luftwaffe selbst seit Jahren Krankenhäuser und Wohngegenden unter Beschuss, um den Widerstand gegen das Assad-Regime zu brechen. Russlands politische Führung stand immer fest an der Seite des syrischen Diktators, trotz aller Grausamkeiten bis hin zum Einsatz von Chemiewaffen.

Aber das alles kommt in der russischen Gesellschaft kaum an, aus verschiedenen Gründen. "Die humanitäre Situation in Syrien hatten über Jahre nur ganz wenige unabhängige gesellschaftliche und politische Organisationen in Russland auf der Agenda", sagt Ekaterina Sokirjanskaja, Leiterin des Moskauer Zentrums zur Analyse und Prävention von Konflikten, das sich auf bewaffnete Konflikte mit russischer Beteiligung spezialisiert. Das Interesse konzentrierte sich eher auf jene Kämpfer, die aus Russland nach Syrien reisten, um entweder auf der Seite der Islamisten oder als Söldner auf der Seite der russisch-syrischen Allianz zu kämpfen. Auch fehle den meisten Organisationen schlicht das Geld dafür, die Lage in Syrien umfassend zu beobachten, "allein schon, um Übersetzer vor Ort zu bezahlen". Gleichzeitig herrsche ein enormer Mangel an Informationen, weil von allen Konfliktparteien viel Propaganda betrieben werde, sagt Sokirjanskaja. In den russischen Medien werde fast nur von Siegen berichtet. Das führe dazu, dass es von unten aus der Gesellschaft kaum Nachfrage nach mehr Engagement zu Syrien gäbe.