Der Siegeszug der Schweizer Frauen beginnt heute Mittag in einem unterkühlten Kongresszentrum in Basel. Um 12 Uhr werden zwar lediglich die ersten Hochrechnungen präsentiert, doch die sozialdemokratische Ständeratskandidatin Eva Herzog schneidet derart gut ab, dass ihre Wahl bereits zu diesem frühen Zeitpunkt feststeht. Sie fällt ihren Parteikolleginnen um den Hals, küsst ihren Mann.

In der Schweiz werden die nationalen Wahlen in den Kantonen entschieden, sie bilden die Wahlkreise. Je größer ein Kanton, desto mehr Sitze stehen ihm im Nationalrat zu. Ständeräte, Sitze in der kleinen Parlamentskammer, gibt es für jeden zwei; die früheren Halbkantone wie Basel-Stadt müssen mit einem Vertreter auskommen.

Und so finden überall im Land verteilt Freuden- und Trauerfeiern statt. In Cafés, Kongresszentren oder – wie in Basel-Stadt bei der Grünenkandidatin Sibel Arslan – im Wohnzimmer ihrer Freunde. Auch Arslan weiß bereits nach den Hochrechnungen: Gewählt! "Ich bin happy", sagt sie. Den bisherigen SVP-Nationalrat Sebastian Frehner hat sie weit hinter sich gelassen. Er ist raus.

Arslan hat nicht nur für sich selbst gekämpft. Sondern für alle Frauen. Sie ist Teil von "Helvetia ruft!", einer breit abgestützten Kampagne, die auch von rechtsbürgerlichen Politikerinnen getragen wird.

Ihr Ziel: Mehr Frauen ins Parlament bringen.

Im Nationalrat stagniert der Frauenanteil seit zehn Jahren. Er beträgt weniger als ein Drittel. Im Ständerat sank er nach den letzten Wahlen im Jahr 2015 sogar auf lediglich 13 Prozent. Und als vor einem Jahr einige langjährige Parlamentarierinnen ihren Rücktritt bekannt gaben, sah es so aus, als würde er noch tiefer sinken.

Deshalb ermunterte Helvetia ruft! zahlreiche Frauen zu einer Kandidatur, machte sie in Workshops und Mentoringprogrammen fit für den Wahlkampf und setzte die Parteien unter Druck, ihre Wahllisten weiblicher zu gestalten. Der Plan ging auf: Die Parteien setzten heuer mit 40 Prozent so viele Frauen wie noch nie auf ihre Listen.

So zeichnet sich an diesem Wahlabend ab, dass das Schweizer Parlament weiblicher wird. Am Sonntagabend war klar: In mindestens sieben Kantonen konnte der Frauenanteil gesteigert werden. Das gilt für den Bergkanton Graubünden ebenso wie für Aargau, das zweisprachige Freiburg, St. Gallen in der Ostschweiz oder die urbanen Kantone Genf und Zürich. Auch die Delegationen aus Zug, Obwalden und Uri, die noch nie eine Frau ins nationale Parlament gewählt haben, werden weiblicher. "Im Nationalrat werden es mindestens 36 Prozent Frauen sein", sagt Céline Zünd von Helvetia Ruft!.

Vor vier Jahren, bei den letzten Wahlen, sah das noch ganz anders aus.

"Wo ein Willy ist, ist auch ein Weg", so lautete damals der Wahlsongrefrain der rechtskonservativen SVP. Dass Willy nicht nur ein männlicher Vorname ist, sondern auch ein Synonym für des Mannes bestes Stück, war kein Zufall. Die rechten Männer klopften sich auf die Schenkel, den progressiven Frauen drehte sich der Magen um. Es zeigte sich wieder mal: Die Schweiz nimmt die Hälfte ihrer Bevölkerung noch immer nicht richtig ernst. Das Land ist in Gleichstellungsfragen beschämend rückschrittlich – und lebt dies auch offen aus.

Kein Wunder, haben doch die Schweizer Frauen erst 1971 das Stimm- und Wahlrecht erhalten, 53 Jahre nach ihren Geschlechtsgenossinnen in Deutschland. Im Glass-Ceiling Index des Economist, der berechnet, wie gleichberechtigt Frauen im Job sind, belegt die Schweiz seit Jahren einer der letzten Plätze unter den OECD-Länder. Und der Staat sorgt mit verschiedenen Maßnahmen dafür, dass die Frauen die Hauptverantwortung für die Kinderbetreuung tragen müssen: Etwa indem er Männern nur einen einzigen Tag Vaterschaftsurlaub zugesteht.

Die Frauen wurden denn auch im Wahlkampf nicht gleichbehandelt wie ihre männlichen Mitstreiter. Die Schweizer Medien schenkten ihnen weniger Beachtung. Sie wurden seltener zitiert, genannt und porträtiert. So hat es das Digital Democracy Lab der Universität Zürich berechnet. Ein Beispiel: Für die christlichdemokratische CVP kandidierten 40 Prozent Frauen. Wurde in Print- und Onlinemedien über die CVP berichtet, kamen die Frauen aber nur in 23 Prozent aller Artikel vor. 

Doch die globale Feminismuswelle hat auch die konservative Schweiz mitgerissen. Obschon es hierzulande, im Gegensatz zu den USA mit ihrem Harvey-Weinstein-Skandal und Deutschland mit der Causa Dieter Wedel, keinen großen #MeToo-Fall gab. Es waren vielmehr viele kleinere Ereignisse, wie etwa der Kampf der Berner Narkoseärztin Natalie Urwyler, deren Spital- und Forschungskarriere durch ein männliches Leitungsteam systematisch verhindert wurde, welche eine neue feministische Bewegung schufen.

Am 14. Juni 2019 demonstrierten und streikten über eine halbe Million Frauen für "Lohn. Zeit. Respekt". Riesige Protestzüge wälzten sich durch Zürich, Bern oder Genf. In Basel war die Innenstadt zeitweise blockiert. Logopädinnen, Ärztinnen, Kinderbetreuerinnen, Laborantinnen streckten ihre selbst gebastelten Plakate in den blauen Himmel: "Wir kämpfen, bis wir frei sind." Es war die größte politische Aktion in der Schweiz seit dem Generalstreik vor 101 Jahren.

Die Straße formulierte einen klaren Auftrag an die Parteien: Nehmt die Gleichberechtigung endlich ernst! Setzt Frauen auf eure Listen! Und Willy? Der hat seinen Schwanz eingezogen.