Da soll mal einer noch behaupten, Wahlen in der Schweiz seien langweilig. Klar, der Trend war seit Monaten bekannt: Eine "grüne Welle", so sagten es alle Umfragen voraus, würde im Oktober über das Land rollen. Aber was am heutigen Wahlsonntag schließlich über die Schweiz kam, erinnerte eher an eine freak wave.

Die Grünen holten 13 Prozent. Sie sind damit erstmals in der Schweiz zweistellig. Die Grünliberalen bekamen ihrerseits 7,9 Prozent. Und obschon die grün gefärbten Sozialdemokraten zünftig verloren, kommt das ökologische Lager, das eine ehrgeizige Klima- und Umweltpolitik vertritt, auf einen Wähleranteil von nunmehr mehr als 37 Prozent.

Umgerechnet in Mandate im 200-köpfigen Nationalrat, der großen Parlamentskammer, bedeutet das: 82 Sitze für das Ökolager. Das sind 21 Sitze mehr als noch vor vier Jahren. Dazu kommen die Stimmen der christlich-bürgerlichen Mitteparteien, die tendenziell offen für Ökokompromisse sind.

Unterm Strich reicht das zu einer knappen Mehrheit.

Zu den Verlierern zählt allen voran die nationalkonservative Schweizerische Volkspartei (SVP). Erzielte sie vor vier Jahren noch das beste Ergebnis ihrer Geschichte, so verlor sie heuer fast 4 Prozentpunkte. Mit 25,8 Prozent bleibt sie allerdings stärkste Kraft im Parlament.

Verschiebung der Macht

Parlamentswahlen - Grüne Parteien gewinnen in der Schweiz an Zuwachs Experten sprechen von einer Machtverschiebung im Parlament Richtung Mitte-links. Die größten Verluste musste die rechtskonservative Schweizer Volkspartei einstecken. © Foto: Fabrice Coffrini/​AFP/​Getty Images

Aus deutscher Optik mögen diese Verschiebungen nur Kinkerlitzchen sein. In der Schweiz bedeuten sie eine eigentliche Verschiebung der Macht: Das durch und durch bürgerliche Land wird künftig in ökologischen Fragen von einem Mitte-links-Parlament regiert. Denn nicht nur im Nationalrat, sondern auch in der kleinen Kammer, dem Ständerat, gewinnen die grünen Parteien voraussichtlich; über die definitive Sitzverteilung muss in zahlreichen Kantonen ein zweiter Wahlgang entscheiden, weil kein Kandidat das absolute Mehr erreicht hat.

Um den Ausgang dieser Wahlen zu verstehen, muss man ein paar Monate zurückblicken. Anfang Februar rief die Klimajugend, die jeweils freitags auf die Straßen ging, die Erwachsenen dazu auf, in den Schweizer Städten zu demonstrieren. Was als kleine Kundgebungen geplant war, wurde zu spontanen Großdemos. Unter die jugendlichen Aktivisten mischten sich Jungeltern mit Kinderwagen, Rentner, Normals.

Schon damals war klar, da ist etwas in Bewegung, da kommt etwas ins Rutschen. Oder in knackigem Kampagnendeutsch: Im Herbst kommt es zur Klimawahl.