Von ihrer Küche aus blickt Gawa Wilkinson auf ihre Kindheit. Von ihrer Wohnung aus kann sie das Stadtviertel und die Straße sehen, in der sie aufgewachsen ist. Die Schule nahe der Ellesmere Street Moschee. Der Eckladen, in dem sie Süßigkeiten gekauft hat. Die meisten Gebäude existieren nicht mehr, aber die Erinnerung an ihre Zeit im Viertel District Six ist lebhaft. "Wir haben überall gespielt bis es dunkel war. Alles war gemischt, wir haben nie über Hautfarbe geredet." Im Februar 1968 vertreibt das Apartheidregime die damals 13-Jährige und ihre Familie aus ihrer Wohnung, sie werden enteignet. Kapstadts sechster Bezirk wird zu einem Viertel für weiße Südafrikaner. 

Seine Bewohner, größtenteils Nachfahren indonesischer Sklaven, werden in Townships außerhalb der Stadt auf den sandigen Cape Flats verfrachtet. Erst 2017 ist Wilkinson mit ihrer Familie wieder in die Stadt gezogen, in eine günstige Wohnung.

"Wir sind damals in Manenberg gelandet, da gab es nur Busch und Felder, überall Busch und sonst nichts", erinnert sich die heute 64-Jährige, "wir mussten lange mit dem Zug in die Stadt fahren, um dort einzukaufen." Vielleicht hat Wilkinson damals gelernt, sich in Geduld zu üben. Das Warten prägt seitdem ihr Leben. "Über 22 Jahre dauert es schon", sagt sie und meint damit ihre Rückkehr in das Viertel, das heute offiziell Zonnebloem heißt. 

Südafrika – ein zweites Simbabwe?

Nach dem Ende der Apartheid stellt Wilkinson einen Antrag auf Rückerstattung beim Ministerium für Landreform. Es war das große Versprechen des 1994 gewählten African National Congress (ANC): Das Unrecht aus Kolonial- und Apartheidzeiten sollte überwunden, Enteignete entschädigt werden. In den ersten fünf Jahren, so die Ankündigung, sollten 30 Prozent des Agrarlandes zurückgegeben werden. 25 Jahre später sind weniger als zehn Prozent der kommerziellen landwirtschaftlichen Flächen umverteilt. Tausende von Entschädigungsanträgen sind unbearbeitet. Von mehr als 60.000 Vertriebenen aus dem District Six sind bis dato nur 134 Familien zurückgekehrt. Die schleichende Landreform ist die klaffende Wunde Südafrikas

"Wir sind wütend, das kannst du dir nicht vorstellen", sagt Wilkinson in ihrem rosa getünchtem Wohnzimmer. Ihr erster Antrag, so wird ihr mitgeteilt, sei bei einem Umzug des Ministeriums verloren gegangen. 1998 stellt sie einen zweiten Antrag. Seitdem warten sie und ihr Mann Yusuf darauf, ihren Besitz wiederzubekommen. Ihre Wut teilen sie mit vielen Südafrikanern. Diese Wut hat den ANC vor den diesjährigen Wahlen gezwungen, der Landreform Priorität einzuräumen.

Geholfen hat dabei, dass sich die Oppositionspartei Economic Freedom Fighters (EFF) – nachdem ihr Hauptangriffsziel, der korrupte Präsident Jacob Zuma, zurückgetreten war – mit voller Inbrunst dem Thema Land widmet. Die noch junge Partei unter dem Populisten Julius Malema stilisiert sich als Retter der Armen und hat damit vor allem bei jungen männlichen Wählern Erfolg.  

Dabei weiß die Partei genau, wie sie Südafrika in Wallung bringen kann. Im Februar 2018 reicht der EFF einen Antrag zur Verfassungsänderung ein: Landenteignung ohne Entschädigung soll möglich werden. Der ANC, vor den Wahlen in die Enge getrieben, unterstützt den Antrag. Investoren reagieren panisch, Bauernverbände empört. Vor allem internationale Beobachter ziehen Parallelen zur Enteignung weißer Farmer unter Mugabe. Südafrika – ein zweites Simbabwe?