Der Bus, in dem ich der einzige Passagier bin, rumpelt über die Pontonbrücke. Ich sitze zwischen leeren Bänken. Es ist ein eigentümliches Gefühl. Ich sehe auf den schmalen Fluss, den Chabur, der die Grenze zwischen dem Nordirak und Syrien markiert. Die Brücke ächzt und knarrt. Es sind nur wenige Meter Wasser, die einen gewaltigen Unterschied ausmachen. Den Unterschied zwischen Frieden und Krieg. Zu meinen Füßen liegt eine schutzsichere Weste. Als der Fahrer die andere Flussseite erreicht, öffnet er die Tür, lässt mich aussteigen. Dann dreht er und fährt sogleich wieder über die Brücke. Seit zwölf Jahren berichte ich aus Syrien. Diese Reise ist meine wahrscheinlich letzte in dieses Land.

Dreimal ist die staatliche Ordnung im Nordosten Syrien seit Beginn des Bürgerkriegs 2011 zusammengebrochen. Dreimal hat sich auf den Resten der alten eine neue Ordnung gebildet. Das Regime des Baschar al-Assad kollabierte im Nordosten Syriens im Jahr 2012; fast kampflos nahmen die Milizen der Freien Syrischen Armee (FSA) die Region ein. Nur ein Jahr später musste die FSA der Herrschaft des "Islamischen Staats" weichen, der wiederum 2017 durch Unterstützung der USA von den kurdisch dominierten Syrischen Demokratischen Kräften (SDF) niedergerungen wurde. Die Herrschaft der Kurden brach an, unter dem Regime ihrer sozialistischen Volkseinheitspartei (PYD), die mit der PKK paktierte. Jedesmal, wenn ich über diesen Fluss fuhr, reiste ich in ein völlig anderes Land.

Quelle: Washington Post (16.10.2019) © ZEIT GRAFIK

Die meisten Journalisten sind zwei Tage zuvor aus Syrien in den Irak geflohen, zweieinhalb Wochen ist die Reise her. Nach dem angekündigten Abzug der US-Armee und dem Angriff türkischer Bodentruppen riefen die Kurden in ihrer Not das verhasste Regime zu Hilfe. Westliche Reporter und Mitarbeiter ausländischer NGOs fürchten nun ihre Verhaftung. Nahezu alle ausländischen Mitarbeiter der Hilfsorganisationen haben Rojava, wie die Kurden ihre Siedlungsgebiete im Nordosten nennen, verlassen. Rojava: der Sonnenuntergang. Kurz bevor ich über die Grenze fahre, bittet der Teamleiter der Organisation Acted die irakischen Grenzer, ihn bis zum Flussufer vorzulassen. Er will erkunden, ob es am syrischen Ufer größere Ansammlungen von Flüchtlingen gibt. Es hat nur Stunden gedauert, und der Nordosten Syriens ist plötzlich wie von der Welt abgeschnitten.

Meine Übersetzerin erwartet mich auf einer Bank an der kurdisch-syrischen Grenzstation. Sie hat den Kopf in ihren Händen verborgen. Kurz zuvor hat sie erfahren, dass zwei Freunde in den Kämpfen gegen die Türken als vermisst gelten. Sie ist eine der bekanntesten kurdischen Filmemacherinnen. Sie wird mir nur bis zum Abend helfen, dann muss sie sich um die Vermissten kümmern. So ergeht es in diesen Tagen vielen Menschen im kurdischen Verwaltungsgebiet: Sie irren durch ihr Land, sie planen nur für wenige Stunden im Voraus. Nichts ist absehbar, nichts planbar.

Oberflächlich wirkt das Land noch so wie vor zwei Jahren, als ich das letzte Mal hier war. Wir fahren durch die Ölgebiete gleich hinter der Grenze, uralte Pumpanlagen, umgeben von Ölseen, kleine Raffinerien, seit Jahrzehnten nicht gewartet. Rauchsäulen über ihnen. Die Erde überall ölverseucht.

Wir erreichen Kamischli, eine der beiden Großstädte in der Region. Seit den heftigen Kämpfen 2016 mit SDF-Einheiten sind die Regimetruppen hier auf wenige Häuserblöcke und den Flughafen zurückgeworfen. Die meisten Nachbarschaften kontrollieren die SDF, die hier auch ihre Ministerien unterhalten. Dazwischen die Straßenzüge zweier christlicher Milizen – die einen unterstützen das Regime, die anderen die SDF. Eine immer schon unwirkliche Situation. Auf der einen Straßenseite große Assad-Plakate, auf der gegenüberliegenden Seite Porträts des PKK-Führers Abdullah Öcalans. Assads Geheimdienstmänner essen in denselben Restaurants wie vom Regime gesuchte Journalisten und Aktivisten, das weiß hier jeder. Ein im syrischen Bürgerkrieg einzigartiger Ort. Eine Art Nichtangriffszone. Doch jetzt? Bisher gibt es noch keine Verhaftungen. Jeder fragt sich: Wie lange noch? Der Abzug der US-Truppen hat auch hier alle Regeln aufgehoben. Rasch fahren wir durch Kamischli.

Die Landschaft des Umlandes wird von hohen Erdwällen durchzogen, die Bagger in den vergangenen Tagen aufgeschüttet haben. Die Militärführung der SDF hat für sicherlich einige Millionen Dollar komplexe Tunnelsysteme graben lassen, die in den Siedlungen jede Straße mehrfach miteinander verbinden, in denen man sich unterirdisch von Dorf zu Dorf bewegen kann. Vorbereitungen für den großen Angriff der Türken. "Wir haben keine Luftwaffe", sagen mir SDF-Kämpfer, "wir haben Tunnel." Die Kurden graben sich ein. Die türkischen Truppen und ihre Verbündeten kommen an der Front nur sehr langsam voran, weil sich die kurdischen Einheiten aus ihren Tunnelsystemen heraus verteidigen. Bis zu zehn Meter tief sollen die unterirdischen Bollwerke in die Erde gegraben worden sein. Tag und Nacht arbeiten derzeit die Bagger.