Kamal Sidos Erinnerungen sind noch frisch. Sido ist Experte und Augenzeuge zugleich. Er arbeitet nicht nur für die Gesellschaft für bedrohte Völker, er kennt die Berichte auch aus eigener Erfahrung. Als die türkische Armee Anfang vergangenen Jahres im nordsyrischen Afrin einmarschierte, hörte er sie täglich – von seiner eigenen Familie. Sido lebt in Deutschland, doch er stammt aus einem Dorf in der Region, die damals in Flammen aufging. Wenn die Telefone funktionierten, erzählten ihm seine Verwandten von Bombardements, von Artilleriebeschuss und von Kampfhubschraubern, erzählt er am Telefon. Mit der Bodenoffensive, die darauf folgte, begann das, was Sido "Raubzüge" nennt. Er erinnert sich an Geschichten von Plünderungen, von Gewalt, von Hass. "300.000 Menschen sind geflohen", sagt Sido. "3.000 Menschen wurden verschleppt. Wir wissen bis heute nicht, wo sie sind", sagt er. Und fügt hinzu: "Das darf nie wieder passieren."

Aber es deutet vieles darauf hin, dass die türkische Armee wieder in Syrien einrückt. Die Offensive wäre bereits die dritte der türkischen Streitkräfte. Diesmal geht es um Gebiete östlich des Flusses Euphrat. Die Streitkräfte sind mit großer Schlagkraft an der Grenze in Stellung gegangen und warten auf den Marschbefehl. US-Soldaten haben begonnen, das Grenzgebiet zu räumen. US-Präsident Donald Trump hat signalisiert, dass sich US-Soldaten nicht in den Weg stellen werden. Nach heftiger Kritik auch aus den Reihen der Republikaner schränkte Trump zwar ein: Wenn der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan Schritte unternehmen sollte, die er, Trump, in seiner "großartigen und beispiellosen Weisheit" für tabu halte, werde er "die türkische Wirtschaft völlig zerstören und ausradieren". Doch es ist unklar, ob sich Erdoğan noch davon abbringen lässt. Die Vorbereitungen der Operation seien abgeschlossen, heißt es in Berichten aus der Türkei. Und regierungstreue Kommentaroren machen medial Druck. Einer bezeichnete es gar als "Selbstmord", wenn die Türkei jetzt nicht zuschlage.

Viele Kurden aus Nordsyrien fürchten nun das Schlimmste. "Das wird ein Ethnozid", sagt Kamal Sido und meint damit die kulturelle Auslöschung einer ethnischen Gruppe. Nur Kurden, die sich assimilieren, werden bleiben können, sagt er. In Afrin lebten einst fast ausschließlich Kurden. Jetzt machten sie nur noch etwa ein Drittel der Bevölkerung aus. "Die Alten, die ohnehin bald sterben." Östlich des Euphrats, so fürchtet er, könnte alles nun noch schlimmer werden.

Einflusssphären in Syrien

Quelle: Live Universal Awareness Map © ZEIT ONLINE

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan will in Nordsyrien die Terrorgefahr an der türkischen Grenze eindämmen, wie er betont. Es soll eine "Sicherheitszone" geschaffen werden, die 30 Kilometer ins Nachbarland reicht. Tief hinein in das Herrschaftsgebiet der PYD. Die Kräfte der PYD sind verbunden mit der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK, die nicht nur von der Türkei, sondern auch von den USA und der EU als Terrororganisation eingestuft wird. In ihrem Jahrzehnte währendem Kampf für die Rechte unterdrückter Kurden in der Türkei verübte die PKK auch etliche Attentate, vor allem auf Vertreter des türkischen Staates. Erdoğan will deshalb auf keinen Fall zulassen, dass sich ein Ableger an der Grenze zur Türkei etabliert und einen "Terrorkorridor" schafft, wie es in Regierungskreisen heißt.  

Erdoğan will syrische Flüchtlinge ansiedeln

Zwischenzeitlich sah es so aus, als würde es der PYD gelingen, einen durchgehenden Korridor vom Kanton Afrin im Westen bis zum Kanton Cizîrê im Osten zu etablieren, beinahe vom Mittelmeer bis an die Grenze zum Irak. Ein Schreckensszenario für die Regierung in Ankara. Die PYD hat in den von ihr gehaltenen Gebieten eine weitreichende Selbstverwaltung etabliert. Die Partei setzt auf Gleichberechtigung und Ökologie, aufs Überwinden der Nationalstaaten. In der politischen Linken wird sie mitunter gefeiert. Kritikerinnen und Kritiker werfen ihr dagegen vor, in ihrem Herrschaftsgebiet kaum andere Meinungen zu dulden. 

Der türkische Präsident machte aber auch deutlich, dass es ihm nicht nur darum geht, die PYD von der Grenze zu verdrängen. Erdoğan kündigte auch an, syrische Flüchtlinge in der "Sicherheitszone" anzusiedeln. Erst war von 700.000 Menschen die Rede, dann von einer Million, und zuletzt gar von drei Millionen. Ihm zufolge geht es um freiwillige Rückkehrer, um einen friedlichen Neuanfang in der alten Heimat. 

Doch nicht nur Kamal Sido fürchtet, dass es der türkische Präsident vor allem darauf anlegt, die Demografie an der Grenze zu verändern, also arabische Syrer in einem kurdischen Gebiet anzusiedeln. "Nur 17 bis 20 Prozent der Syrer in der Türkei stammen aus den Gegenden östlich des Euphrats", sagt Omar Kadkoy von der türkischen Denkfabrik Tepav. Zudem bezweifelt Tepav, dass es genügend freiwillige Rückkehrer in den Norden Syriens gäbe. Dort erwarte die Menschen nichts "außer Zerstörung", sagt er, etwa in Städten wie Afrin. Viele syrische Flüchtlinge in der Türkei bestätigen das: Sie wollen nicht zurück nach Syrien.