Die Türkei und die USA haben eine fünftägige Waffenruhe für Nordsyrien ausgehandelt. Die Türkei habe zugesichert, alle militärischen Aktionen für 120 Stunden zu unterbrechen, sagte US-Vizepräsident Mike Pence nach seinem Treffen mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan. Der Vereinbarung nach sollen die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) von der syrischen Seite im Norden abziehen, die an die Türkei grenzt. Dort soll die von Erdoğan gewünschte "Sicherheitszone" eingerichtet werden. Die Türkei habe zugesagt, ihre Militäroffensive nach dem Abzug der syrischen Kurdenmiliz zu beenden. 

Die kurdischen Kämpfer im Nordosten Syriens akzeptieren die Vereinbarung. "Wir werden alles tun, damit die Waffenruhe ein Erfolg wird", sagte der Kommandant der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) Maslum Abdi dem kurdischen Fernsehsender Ronahi TV. Allerdings sagte er, die Zusage gelte für ein 100 Kilometer langes Gebiet zwischen den umkämpften Städten Ras al-Ain und Tall Abjad – was im Widerspruch zur türkischen Forderung steht, die vollen 480 Kilometer zwischen dem Euphrat und der Grenze zum Irak zu räumen.

Pence und Erdoğan hatten sich zu einem Gespräch über den Nordsyrien-Konflikt getroffen. Anwesend waren zunächst auch der türkische Vizepräsident Fuat Oktay und der US-Sonderbeauftragte für die Anti-IS-Koalition James Jeffrey.

USA wollen Sanktionen gegen die Türkei aufheben

Die USA wollen ihre Sanktionen gegen die Türkei im Falle einer dauerhaften Waffenruhe in Nordsyrien aufheben. US-Präsident Donald Trump sprach von einem "großartigen Tag für die Zivilisation". Für diesen "unglaublichen Ausgang" sei ein unkonventionelles Vorgehen nötig gewesen, um eine Einigung zu erzielen. Der türkische Präsident habe das Richtige getan. "Millionen von Leben werden gerettet werden." Zuvor hatten die USA Sanktionen gegen türkische Ministerien verhängt sowie die Anhebung von Zöllen auf Stahlimporte aus der Türkei und den Abbruch von Gesprächen über ein Handelsabkommen angekündigt. 

In der gemeinsamen Erklärung zur Waffenruhe hieß es, die Sicherheitszone werde "vorwiegend von den türkischen Streitkräften durchgesetzt". Das beinhalte die Abgabe der schweren Waffen der YPG und die Zerstörung ihrer Befestigungsanlagen. Die Türkei und die USA sagten zudem zu, weiter gegen Milizen des sogenannten "Islamischen Staates" (IS) zu kämpfen und sich hinsichtlich der IS-Gefängnisse abzustimmen. Zu Beginn der Offensive hat es Befürchtungen gegeben, sie könne zu einem Wiedererstarken des IS in der Region führen.

Die Türkei verstehe die Vereinbarung allerdings nicht als Waffenruhe im engen Sinne. Die Offensive werde nicht gestoppt, sondern unterbrochen, sagte der türkische Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu. Wenn die YPG innerhalb von fünf Tagen abgezogen sei, ihre schweren Waffen abgelegt und ihre Stellungen zerstört habe, werde die Offensive enden. Der Grund für die Sprachregelung sei, dass nur zwei legitime Seiten eine Waffenruhe vereinbaren könnten. Die Türkei betrachtet die YPG als Terrororganisation.

Von kurdischer Seite hieß es vor der Einigung, angesichts der türkischen Offensive hätten die von den Kurden angeführten und mit der YPG verbündeten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) den Kampf gegen den IS ausgesetzt. "Wir haben in der Vergangenheit darauf hingewiesen, dass der Kampf gegen den IS im Fall eines Angriffs des türkischen Staates für uns zur Nebensache wird", sagte der SDF-Anführer Maslum Abdi der kurdischen Nachrichtenagentur Firat. "Dieser Fall ist nun eingetreten." Der IS habe sich an vielen Orten neu organisiert. Rund 12.000 IS-Mitglieder und ihre Angehörigen befänden sich noch in der Region. Auch die von den USA angeführte internationale Koalition gegen den IS schätzte die Zahl der IS-Angehörigen in Syrien und im Irak im Juni auf 14.000 bis 18.000 Personen.

Vergangene Woche hatte die Türkei einen Militäreinsatz gegen die kurdische YPG-Miliz in Nordsyrien begonnen, die dort ein großes Gebiet kontrolliert. Für die USA waren die Kurdenkämpfer dagegen lange Verbündete im Kampf gegen den IS. Der türkische Einsatz war international auf Kritik gestoßen, aber erst durch einen US-Truppenabzug aus dem Grenzgebiet ermöglicht worden. Diese Entscheidung Trumps war auch in den USA hoch umstritten. Innerhalb der vergangenen zwei Wochen sind 300.000 Menschen in Nordsyrien geflohen, 500 sollen getötet worden sein. Nach Angaben der in Großbritannien ansässigen Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte sind 100 Zivilisten darunter. Am kommenden Dienstag soll Erdoğan in der russischen Schwarzmeerstadt Sotschi Präsident Wladimir Putin treffen.

Nordsyrien - USA und Türkei einigen sich auf Waffenruhe Die türkische Armee wird alle Aktionen für fünf Tage unterbrechen, sagte US-Vizepräsident Mike Pence in Ankara. Wenn die kurdische YPG abziehe, könne der Einsatz enden. © Foto: Murat Cetinmuhurdar/Getty Images