Er sei der starke Mann, der seinen Worten Taten folgen lässt: So inszeniert sich der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan bei seinen Unterstützern, seit auf seinen Befehl hin die türkische Armee in Nordsyrien einmarschiert ist. Entlang eines fast 500 Kilometer weiten Korridors an der türkisch-syrischen Grenze bombardiert und beschießt die Türkei mit Artillerie Stellungen der Kurdenmiliz YPG, die sie als Terrororganisation einstuft. Die Lage wird mit jedem Tag unübersichtlicher.

In den sozialen Medien kursieren Videos, die Tote und Verletzte zeigen. Es gibt Hinweise, dass syrische islamistische Rebellen, die an der Seite der Türkei kämpfen, Kriegsverbrechen begehen. Die Zahl der Toten lässt sich schwer sicher bestimmen; die Türkei spricht von mehr als 500 getöteten YPG-Kämpfern, die Kurdenmiliz hingegen von 56 Toten in ihren Reihen. Nach dem derzeit mehr als 130.000 Menschen verzweifelt in das Landesinnere flüchten, steht an Tag sechs der Offensive nur eins fest: In einem bisher relativ stabilen Teil der Region ist eine humanitäre Krise ausgebrochen.

In Nordsyrien ist auch zu sehen, wie schnell sich Machtverhältnisse in Krisenzeiten verschieben können. Die türkische Armee, die seit dem Einmarsch einen Erfolg nach dem anderen vermeldet, könnte möglichweise auf einen neuen Gegner an der Front stoßen. Am Sonntagabend vermeldeten die Demokratischen Kräfte Syriens (SDF), das von der Kurdenmiliz YPG angeführte Bündnis, eine Einigung mit Baschar al-Assad. Die syrische Armee rückt seither in den Norden vor, unter anderem nach Manbidsch und Kobane. Die Städte liegen in dem 35 Kilometer tiefen Sicherheitskorridor, den eigentlich die Türkei mit dem Einmarsch vollständig unter ihre Kontrolle bringen wollte.

Möglicherweise wird sich die Kurdenmiliz in Assads Armee eingliedern und so gemeinsam gegen die türkischen Streitkräfte kämpfen. Was der Diktator für die Hilfe bekommen wird, ist noch unklar. Wahrscheinlich werden die Kurdinnen und Kurden dafür ihre über Jahre erkämpfte Autonomie in Nordsyrien abgeben müssen. Das wäre ein schwerer Schlag gegen kurdische Unabhängigkeitsbestrebungen. Neben dem Gebiet in Nordsyrien, das Rojava genannt wird, haben die Kurden einzig in Nordirak eine weitgehende Autonomie. Dieser kostenreiche Deal entspringt der reinen Not der YPG, die zuletzt mit dem Abzug der US-Truppen aus Nordsyrien ihren wichtigsten Verbündeten verloren hatte. Zustande kam er wohl unter Vermittlung des russischen Präsidenten Wladimir Putin, der wichtigste Unterstützer des syrischen Diktators Assad. Erdoğan hatte noch am Sonntag gesagt, dass jeder Schritt der türkischen Armee in Absprache mit Putin geschehe. Tatsächlich hatte sich die Türkei in jüngster Zeit immer stärker an Russland angenähert, während die Nato-Staaten den Bündnispartner Türkei zunehmend international isolieren. Deswegen ist es eher unwahrscheinlich, dass sich Erdoğan auf einen Kampf mit Assads Armee einlassen wird. Und auch Assad wird sich mit Angriffen sehr wahrscheinlich zurückhalten; seine Armee ist durch den langen Krieg angeschlagen, seine Mittel sind begrenzt.

Assad weitet seine Herrschaft noch weiter aus

Dass die Kurdenmiliz sich mit Assad verbünden könnte, war nie ausgeschlossen. Auch wenn die YPG mit Hilfe der USA den sogenannten Islamischen Staat (IS) erfolgreich zurückschlagen konnte, war kaum davon auszugehen, dass die Miliz in einem offenen Kampf mit der türkischen Armee eine Chance hätte. Sollte die Türkei gegen das syrische Regime und Russlands Militär kämpfen müssen, würde das die ohnehin volatile Region noch weiter destabilisieren – und daran dürfte keiner der Akteure Interesse haben. Wie genau sie sich einigen werden, ist noch unklar. Vielleicht wird sich Erdoğan damit begnügen, einen kleineren Teil des Korridors als Pufferzone zu akzeptieren. Vielleicht wird er auch zufrieden sein, wenn die YPG in Kobane und Manbidsch zwar zusammen mit Assad regiert, ihre Streitkräfte aber aus der restlichen Region entlang der türkisch-syrischen Grenze abzieht.

Doch egal, wie genau die Einigung am Ende aussehen wird: Assad ist der große Gewinner der türkischen Militäroffensive. Der Diktator hat mit russischer Unterstützung bereits mehr als die Hälfte des Landes wieder unter seine Kontrolle gebracht. Mit dem Einzug in den Norden Syriens würde sich seine Herrschaft nochmals enorm ausweiten. Das ist bitter für viele Syrer, gingen sie doch 2011 auf die Straße, um gegen das repressive Regime zu protestieren und Assad fortzujagen.