Die gemäßigte islamische Ennahda-Partei liegt laut ersten Prognosen bei der Parlamentswahl in Tunesien in Führung. Die bereits im aktuellen Parlament stärkste Partei kam Nachwahlbefragungen zufolge auf 17,5 Prozent und damit auf 40 der 217 Parlamentssitze, die Partei des inhaftierten Medienunternehmers und Präsidentschaftskandidaten Nabil Karoui auf 15,6 Prozent und 33 bis 35 Sitze.

Die bisherige sozialdemokratische Regierungspartei Nidaa Tounes ("Ruf Tunesiens") stürzte auf zwei Prozent ab, die im Januar gegründete Partei des amtierenden Regierungschefs Youssef Chahed, Tahya Tounes ("Es lebe Tunesien") erhielt fünf Prozent der Stimmen. Der Ennahda-Vorsitzende Rached Ghannouchi nannte die Wahl "ein Zeichen der Reife der tunesischen Demokratie". Vorläufige amtliche Wahlergebnisse werden erst am Mittwoch erwartet.

Sowohl Ennahda als auch Karouis Partei Qalb Tounes ("Herz Tunesiens") beanspruchten den Wahlsieg für sich. Beide Parteien beriefen sich dabei auf "vorläufige Ergebnisse", ohne nähere Angaben zu machen. Die Wahlbeteiligung lag nach Angaben der Wahlkommission bei nur 41 Prozent. Das öffentliche Interesse ist bei der Präsidentschaftswahl größer.

Mitte September hatte die erste Runde der Präsidentschaftswahl in dem nordafrikanischen Staat stattgefunden, die mit einer Niederlage für die etablierten Parteien endete. Bei der Stichwahl am 13. Oktober stehen sich Karoui und der unabhängige Kandidat Kaïs Saïed gegenüber. Der Juraprofessor Saïed wird dabei von Ennahda unterstützt. Die islamische Partei und Karouis Qalb Tounes haben vor der Parlamentswahl eine gemeinsame Regierung ausgeschlossen. Karoui sitzt wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung und der Geldwäsche in Untersuchungshaft. Er bestreitet ein Fehlverhalten und nennt die Vorwürfe politisch motiviert.

Die 4.500 Wahllokale wurden von zahlreichen Sicherheitskräften bewacht. Rund 100.000 Polizisten und Soldaten patrouillierten die Straßen, insbesondere in Orten entlang der Grenzen zu Algerien und Libyen.

Acht Jahre nach der Revolution, die zur Einführung der Demokratie führte und den Arabischen Frühling inspirierte, sind insbesondere junge Tunesier und Tunesierinnen enttäuscht von der Politik. Den etablierten Parteien werfen sie Ineffizienz vor, für Unzufriedenheit sorgt besonders die Arbeitslosigkeit, die höher als unter dem im September verstorbenen langjährigen Autokraten Zine el Abidine Ben Ali ist. Auch eine schlecht funktionierende Verwaltung und die anhaltende Inflation frustrieren die Wählerinnen und Wähler. Experten haben bereits vor der Wahl eine Fragmentierung des Parlaments und eine schwierige Regierungsbildung befürchtet, da keine politische Kraft in der Lage war, das Vertrauen der Bevölkerung in ausreichend hohem Maße auf sich zu konzentrieren.