Der Verfassungsrechtler Kaïs Saïed hat Staatsmedien zufolge die Stichwahl um das Präsidentenamt in Tunesien mit deutlichem Vorsprung gewonnen. Saïed habe 76,9 Prozent der Stimmen erhalten, meldete der staatliche Fernsehsender Wataniya unter Berufung auf Umfragen von Sigma Conseil und Emhrod Consulting. Sein Konkurrent, der umstrittene Medienmogul Nabil Karoui, kam demnach auf 23,1 Prozent.

Die Nachricht löste in Saïeds Wahlkampfzentrale in der Hauptstadt Tunis Jubel aus. Tausende Anhänger feierten am Abend bereits lautstark unter anderem in der Innenstadt von Tunis, nachdem das staatliche Fernsehen die Umfrageergebnisse verkündet hatte. In der Stadt wurden Feuerwerkskörper gezündet, und es gab Hupkonzerte. Die offiziellen Ergebnisse werden jedoch frühestens am Dienstag erwartet.

"Die Tunesier haben heute der ganzen Welt eine Lektion erteilt", sagte Saïed auf einer Pressekonferenz. "Es ist ein neues Konzept einer Revolution innerhalb des Verfassungsrahmens." Der Staat werde weiter zu seinen Verpflichtungen stehen und sich an alle Regeln halten, betonte Saïed.

"Heute bauen wir unsere eigenen Möglichkeiten: ein neues Tunesien. 2010 haben die Menschen gerufen: wir wollen! Und heute erreicht ihr, was ihr wollt." Der 61 Jahre alte Saïed wurde Umfragen zufolge vor allem von jungen Tunesiern und Akademikern gewählt. Er absolvierte seinen Wahlkampf ohne großes Kampagnenteam und ohne die Unterstützung einer eigenen Partei.

Tunesien hatte nach dem sogenannten Arabischen Frühling vor acht Jahren zwar tiefgreifende demokratische Reformen eingeleitet. Das Land kämpft aber mit großen wirtschaftlichen Problemen und hoher Arbeitslosigkeit. Die Unzufriedenheit in der Bevölkerung ist groß.

"Kaïs Saïed, Präsident der tunesischen Republik", schrieb die Ennahda-Partei. Der 61-jährige unabhängige Kandidat Saïed wurde von der moderat islamistischen Partei unterstützt. Die Ennahda-Partei hatte vor einer Woche bei der tunesische Parlamentswahl 52 der 217 Sitze im Parlament geholt. Saïed war außerdem vom ehemaligen tunesischen Übergangspräsidenten Moncef Marzouki unterstützt worden.