Über das "Ende einer Weltmacht" spekuliert der Spiegel in seiner jüngsten Titelgeschichte, die vom Abzug der Amerikaner aus Syrien und dem Verrat an den Kurden handelt, ihren besten Verbündeten. Räumt Amerika wirklich das Penthouse der Weltpolitik? Die Kunde vom Ende der Weltmacht erinnert an einen Spruch von Mark Twain, der witzelte: "Die Nachricht von meinem Tod war weit übertrieben."

Unbestritten ist freilich das Ende einer halbwegs rationalen Strategie aufseiten des Donald Trump, der von der großen Politik so wenig versteht wie von Anstand und Verlässlichkeit. Es geht nicht nur um Treubruch, also um eine moralische Verfehlung. Lassen wir den grausamen Preis beiseite, den die einstigen kurdischen Schützlinge bezahlen müssen: die türkischen Luftangriffe auf Zivilisten, die Flucht von 200.000 Menschen, die kommende "Säuberung" in einem 30-mal 500 Kilometer breiten Gürtel entlang der türkisch-syrischen Grenze, den Ankara als "Schutzzone" beansprucht.

Es geht auch um nackte Realpolitik, deren Regeln Trump so fremd sind wie einem Kleinkind die Bestimmungen von Mensch, ärgere dich nicht. Passt ihm der Verlauf nicht, haut es einfach die Figuren vom Brett. Bloß ist die Levante kein harmloses Würfelspiel. Das Scharnier zwischen Eurasien und Afrika bleibt der "Elefantenpfad der Geschichte", wie der israelische Verteidigungschef Mosche Dajan die permanent umkämpfte Landbrücke genannt hat. Von Babylon bis Rom, von Napoleon bis zu Nazi-Deutschland, von den Osmanen bis zu den Briten hat keine Großmacht den "Elefantenpfad" in Ruhe gelassen, von den USA und Russland ganz zu schweigen.

Doch wähnt der Großstratege Donald Trump, er könne Amerikas "endlose Kriege" in Nahost tatsächlich mit impulsiver Geste beenden. Davon hatte schon sein Vorgänger Barack Obama geträumt, der seine Kampftruppen 2011 aus dem Irak zurückbeorderte. Es war die Geburtshilfe für das "Kalifat" des "Islamischen Staates", der bis nach Bagdad vordrang. 2014 waren die US-Streitkräfte wieder da; sie stehen noch immer im Land.

Wie die Natur verabscheut die Staatenwelt das Vakuum – ein eisernes Gesetz. So wie damals der IS das Vakuum füllte, tun es heute die Türkei, Russland und Iran, also Amerikas gefährlichste Rivalen in der Region. Das dürre Fazit: Trump hat den syrischen Krieg nicht beendet, sondern die Kampfzone ausgeweitet und seine kurdischen Bundesgenossen in die Arme des "Kriegsverbrechers" Baschar Assad (Trump) getrieben. In Moskau und Damaskus knallen die Sektkorken, in Ankara und Teheran, wo Alkohol des Satans ist, feiern sie den Rückzug als Geschenk Allahs.

Dennoch ist Trumps katastrophale Entscheidung nicht das Ende der Weltmacht Amerika. Der Abgang ist kein Niedergang. Großmächte verschwinden nicht einfach von der Weltbühne; sie werden verdrängt, besiegt oder vertrieben. Rom zerfiel unter den Hammerschlägen germanischer "Barbaren". Napoleons Traum von der Weltherrschaft verschied 1815 im Kanonenfeuer einer gesamteuropäischen Koalition in Waterloo. Die Karriere des Großdeutschen Reiches endete im zweiten Dreißigjährigen Krieg 1914-1945. Das Britische Imperium wurde nicht niedergekämpft, sondern im 20. Jahrhundert ausgeblutet, dann von den neuen Giganten USA und Sowjetrussland degradiert.