Das war selbst für die Republikaner zu viel: Offenbar ohne Konsultation mit dem Pentagon oder führenden Beratern lässt Donald Trump die US-Soldaten aus dem syrisch-türkischen Grenzgebiet abziehen, gibt die Kurden vor der geplanten Offensive der Türkei als Verbündete auf. Der republikanische Senator Lindsey Graham sprach vom "denkbar gefährlichsten Signal", das der Präsident damit aussende, die Entscheidung sei "kurzsichtig und unverantwortlich". Viele weitere seiner Kollegen und Kolleginnen schlossen sich der Kritik an, selbst der Mehrheitsführer der Republikaner im Senat, Mitch McConnell, rief Trump dazu auf, diesen Schritt nicht zu gehen. Beide verteidigen ihn sonst sogar dann noch, wenn sie sich damit lächerlich machen. Es brodelt also, die Republikaner sind nicht glücklich mit ihrem Präsidenten. Schon ist die Rede von einer parteiübergreifenden Resolution, um Trump auf Linie zu bringen. Verliert er also den Rückhalt in der Partei, gerade jetzt, wo in Washington alles auf ein Amtsenthebungsverfahren zuläuft?

Die kurze Antwort ist ernüchternd: Der Präsident hat die Republikaner weiter fest hinter sich, trotz der Erregung über die Syrienpolitik. Die Urteile vieler Außenpolitiker in der Partei mögen vernichtend klingen. Aber Lindsey Graham war auch einmal der Überzeugung, dass Trump ein "rassenhetzender, fremdenfeindlicher Fanatiker" sei, keine vier Jahre ist das her. Selbst als dem Immobilienmilliardär im Mai 2016 der Vorwahlsieg schon nicht mehr zu nehmen war, kündigte der Politiker aus South Carolina an, ihn auf keinen Fall wählen zu wollen. Im Herbst 2019 sieht Graham die Dinge anders. Seit Trumps Amtsantritt gehört er zu den verbissensten Unterstützern des Präsidenten. Die Impeachment-Ermittlungen in der Ukraine-Affäre kommentierte er zuletzt ganz in dessen Sinne: "Ich finde es lächerlich, dem Präsidenten auf Basis dieses Telefonanrufs Fehlverhalten vorzuwerfen."

Auch Marco Rubio, der Trump im Vorwahlkampf noch monatelang bekämpft hatte, sieht keine Probleme mehr im Verhalten des Präsidenten. Selbst als Trump nach dem Druck auf die Ukraine live im Fernsehen auch noch China aufforderte, Ermittlungen gegen den demokratischen Präsidentschaftsbewerber Joe Biden und seinen Sohn aufzunehmen, rückte Rubio nicht von ihm ab. "Ich glaube nicht, dass das eine echte Anfrage war", sagte der Senator aus Florida und deutete an: alles nur ein Witz, um die Presse in Aufruhr zu versetzen.

Die Republikaner brauchen Trump

Der Seitenwechsel der beiden US-Senatoren in Sachen Trump illustriert den Wandel, den die Republikaner in den vergangenen vier Jahren vollzogen haben. Während sich große Teile der Partei anfangs noch mit allen Mitteln gegen den Aufstieg des Rechtspopulisten wehrten, hat sich die Grand Old Party seit Trumps Wahlsieg ihrem Präsidenten weitgehend ausgeliefert. Zwar dringt immer wieder durch die Medien nach außen, dass einige Republikaner Trump sehr wohl des Amtes für untauglich halten, doch öffentlich distanziert sich kaum ein Mandatsträger von Trump. McConnell gelobte gar, dass er als Mehrheitsführer im Senat ein Impeachment-Verfahren dort stoppen werde – und verband sein Versprechen mit einer Spendenbitte. Mit dem kontroversen Oberbefehlshaber lassen sich offenbar prima Wahlkampfgelder einwerben.

Donald Trump - "Impeachment … deswegen?" Die Ukraine-Affäre könnte den US-Präsidenten das Amt kosten. Oder? Wie es zu dem Skandal kam und wie das Amtsenthebungsverfahren ablaufen würde, erklärt Rieke Havertz im Video.

Der peinliche Spendenaufruf zeigt: Die Republikaner sind wesentlich stärker auf Trump angewiesen als umgekehrt. Denn unter republikanischen Wählern und Wählerinnen genießt der Präsident – trotz leichter Verluste seit den Ukraine-Enthüllungen – laut einer aktuellen Quinnipiac-Umfrage noch immer eine Zustimmungsrate von hervorragenden 88 Prozent. In dieser Situation dürften innerparteiliche Gegner es schwer haben, sich gegen den Präsidenten zu stellen. Zumal Trumps Wählerinnen und Wähler in ihrer Abneigung gegen die Machtcliquen in Washington eine geschlossene Abkehr der Republikaner von Trump vermutlich als eine Art Hochverrat einstufen und bei der nächsten Wahl entsprechend quittieren würden.

Das Vertrauen in den Präsidenten scheint außerdem bei vielen Anhängern und Anhängerinnen wesentlich größer als das Vertrauen in die Kongressrepublikaner. Laut Quinnipiac beträgt deren Zustimmungsrate unter republikanischen Wählern nur 72 Prozent – also satte 16 Prozentpunkte weniger als Trumps. Das dürfte daran liegen, dass der Präsident bis heute nicht den Mainstream der Republikaner vertritt. 2016 positionierte er sich bei wichtigen Fragen noch ganz abseits des üblichen republikanischen Kanons. Weite Teile der Partei befürworteten Freihandelsabkommen und suchten in der Einwanderungspolitik nach einem moderateren Weg. Trump dagegen warb für Abschottung gegen Migranten und für Protektionismus. Auch sozialpolitisch ging Trump eigene Wege und positionierte sich links von seinen damaligen Konkurrenten. Im Gegensatz zu fast allen anderen Kandidaten wollte Trump zum Beispiel keine Änderungen an der staatlichen Rentenversicherung und der Krankenversicherung für Ältere vornehmen. Kurz: Trump und seine Wähler sind nicht unbedingt typische Republikaner.