Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan hat den deutschen Außenminister Heiko Maas persönlich angegriffen: "Wenn Du etwas von Politik verstehen würdest, würdest du nicht so sprechen", sagte Erdoğan nach der Einschränkung deutscher Rüstungsexporte in die Türkei. Maas habe keine Ahnung von Politik; er sei ein "politischer Dilettant", so der Präsident. "Da kommt der deutsche Außenminister - ein Mann, der seine Grenzen nicht kennt - und sagt: Wir werden der Türkei keine Waffen verkaufen. Wir sind am Ende", spottete Erdogan. Nicht er, sondern Maas, Deutschland, werde verlieren.

Die Beschränkung der Rüstungsexporte in die Türkei ist bisher die einzige politische Konsequenz aus Deutschland, seit am vergangenen Mittwoch die türkische Offensive gegen kurdische Milizen in Nordsyrien begonnen hat. Der Export von Waffen, die in dem Konflikt genutzt werden können, wird nicht mehr genehmigt. Andere Rüstungsgeschäfte werden aber weiter erlaubt. Bereits erteilte Liefergenehmigungen werden auch nicht zurückgenommen.

Wegen der Lage in Syrien haben Russlands Präsident Wladimir Putin und Erdoğan für die nächsten Tage ein Treffen vereinbart. Darauf hätten sich die beiden Politiker in einem Telefonat verständigt, teilte Putins Büro am späten Dienstagabend mit. Putin habe Erdoğan zu dem Treffen nach Moskau eingeladen. Dieser habe die Einladung angenommen. Russland unterstützt zusammen mit dem Iran den syrischen Diktator Baschar Al-Assad und hat militärisch entscheidend dazu beigetragen, dass das Assad-Regime wieder über große Teile des Landes herrschen kann. Die Türkei dagegen unterstützt die islamistischen Rebellengruppen Syriens. Weil die Kurden Nordsyriens das Assad-Regime um Hife gebeten haben, stehen der türkischen Armee und türkisch gestützten Milizen die Einheiten Assads und der Kurden gegenüber. 

Heftige Kämpfe um Manbidsch und Ras al-Ain

Die Initiative für das Telefonat am Dienstag sei von türkischer Seite ausgegangen, erklärte Putins Büro. Die beiden Staatschefs seien sich einig, dass Konfrontationen zwischen Einheiten der türkischen Armee und der syrischen Streitkräfte in Nordsyrien verhindert werden müssten. Putin habe zudem davor gewarnt, inhaftierte Dschihadisten könnten durch die türkische Offensive gegen die kurdische YPG-Miliz freikommen. Auch US-Präsident Donald Trump hat angekündigt, dass seine Regierung mit Erdoğan sprechen will. US-Vizepräsident Mike Pence und US-Außenminister Mike Pompeo sollen am Mittwoch nach Ankara reisen. Das US-Militär hatte bislang die YPG-Milizen erfolgreich im Kampf gegen den IS unterstützt. Trump lässt die USA jetzt aber aus Nordsyrien abziehen, was die Region ins Chaos stürzt

Einflusssphären in Syrien

Quelle: Live Universal Awareness Map © ZEIT ONLINE

Die kurdische YPG-Miliz hat am Dienstag weiter erbitterten Widerstand gegen die türkische Armee und verbündete Milizen geleistet. Mit einem Gegenangriff in der strategisch wichtigen Grenzstadt Ras al-Ain drängten sie die gegnerischen Truppen zurück, wie die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte berichtete. Auch nahe der Grenzstadt Tall Abjad dauerten die Gefechte nach Angaben der Beobachtungsstelle an. Im Umfeld der syrischen Stadt Manbidsch gab es in der Nacht zu Dienstag Kämpfe zwischen Einheiten des prokurdischen Militärrats der Stadt und protürkischen Milizen. Die syrische Regierung hatte zuvor nach einer Vereinbarung mit der kurdischen Selbstverwaltung Truppen nach Manbidsch geschickt, um sie gegen die Türkei zu verteidigen.

Die Rückkehr der syrischen Regierungstruppen in die Kurdengebiete ist ein wichtiger Wendepunkt in dem mehr als achtjährigen Konflikt. Die Truppen von Machthaber Baschar al-Assad hatten sich 2012 aus der Region weitgehend zurückgezogen und zugelassen, dass die Kurden unter Führung der Partei der Demokratischen Union (PYD) eine eigene Verwaltung aufbauten. Vermittelt wurde die Vereinbarung durch Russland. Das russische Verteidigungsministerium erklärte am Dienstag, die syrischen Regierungstruppen hätten wieder "volle Kontrolle über die Stadt Manbidsch und umliegende Siedlungen". Moskau erklärte, Russland werde nicht zulassen, dass es zu Zusammenstößen zwischen der Türkei und den Assad-Truppen komme.

Die humanitäre Hilfe in der Region kam nach Angaben der kurdischen Selbstverwaltung komplett zum Erliegen. Der UN-Sicherheitsrat kommt am Mittwoch zu einer erneuten Sondersitzung wegen der türkischen Offensive in Nordsyrien zusammen.