Wilfred Chan, 28, ist Mitbegründer des Autorenkollektivs Lausan, das aus einer linken Perspektive auf die Proteste in Hongkong blickt. Er ist gebürtiger Hongkonger, derzeit studiert er in New York Politik und Postkoloniale Studien.

ZEIT ONLINE: Sie haben ein neues Autorenkollektiv mit ins Leben gerufen, das die Hongkonger Protestbewegung begleitet. Was ist dessen Mission? 

Wilfred Chan: Wir sind eine Gruppe von Schreibenden, Forschenden, Aktivistinnen und Künstlerinnen aus Hongkong und der Hongkonger Diaspora, die sich zusammengeschlossen hat, um linke, dekoloniale Perspektiven aus und zu Hongkong teilen.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet dekolonial?

Wilfred Chan © privat

Chan: Sowohl in Hongkong als auch aus Sicht des Auslands sieht es oft so aus, als sei die westliche neoliberale Ordnung das einzig mögliche Gegenstück zum autoritären chinesischen Staatskapitalismus – Hongkongs einzige Alternative. Viele Demonstrierende schwenken die britische oder die US-amerikanische Flagge. Das finden wir aus verschiedenen Gründen problematisch: Zum einen gibt es eine Kontinuität zwischen dem britischen Kolonialregime und dem chinesischen Autoritarismus: Dass die Hongkonger Regierung nun koloniale Notstandsgesetze in Kraft setzt, macht das deutlich. Diese Notstandsgesetze wurden von den Briten eingesetzt, um Proteste in den Sechzigerjahren niederzuschlagen. Den Hong Kong Human Rights and Democracy Act, wie er in den kommenden Wochen vom amerikanischen Kongress verabschiedet werden soll, sehen wir kritisch, weil in dem Gesetz auch US-Interessen formuliert werden, die sich nicht mit den Interessen Hongkongs decken. Aber wir verstehen, warum Demonstrierende Großbritannien und die USA um Hilfe rufen: Es scheint die einzige Unterstützung zu sein, die wir derzeit bekommen können. Wir bei Lausan wollen zumindest ein Gespräch darüber beginnen, wie ein dritter Weg aussehen kann. Die Linke in Hongkong tut das seit vielen Jahren. Wir können keine fertigen Lösungen präsentieren, aber wir sind der Meinung, dass die Zukunft Hongkongs eine radikale Neuimagination braucht.

ZEIT ONLINE: Warum?

Chan: Hongkong ist in einem historischen Paradox gefangen: Unsere einzige Existenzberechtigung liegt darin, die Schnittstelle zwischen dem westlichen Neoliberalismus, wie er unter der britischen Kolonialherrschaft aufgebaut wurde, und dem autoritären chinesischen Staatskapitalismus zu sein. Wir sind ein staatsähnlicher Ort ohne echte Autonomie, und diese widersprüchliche Regierungsform wurde von fernen Eliten entworfen und für sie. So war es schon immer. Hongkong wurde geschaffen als bequeme Schleuse für internationales Kapital. Auch unsere Gesetze wurden entworfen, um den Immobilienoligarchen das Leben leicht zu machen, um chinesisches Investment und Kapitalabflüsse zu erleichtern.

ZEIT ONLINE: Die meisten Demonstrierenden in Hongkong gehen gegen die Hongkonger Regierung und die kommunistische Führung in Peking auf die Straße. Sie sagen also: Der Kapitalismus ist das eigentliche Problem?

Chan: Zumindest ist es schwer, sich eine alternative Zukunft vorzustellen, ohne sich die unterschwellige Logik zu vergegenwärtigen, die der Grund für Hongkongs Existenz ist. Das Problem hat die Linke im Westen ja genauso: Wir Linken tun uns schwer damit, uns eine postkapitalistische Zukunft auszumalen. In den USA und in einigen anderen Ländern gibt es zwar neue sozialistische Bewegungen, aber es liegt noch ein langer Weg vor uns.

ZEIT ONLINE: Wie groß ist die Linke in Hongkong?

Chan: Leider sehr klein. In Hongkong ist es noch viel schwerer, antikapitalistische Politik zu formulieren, weil man damit automatisch die eigene Existenzgrundlage unterminiert. Unsere wirtschaftliche Nützlichkeit ist das einzige Argument, das wir gegen den Autoritarismus vorbringen können. Dabei haben wir Hongkonger diese extreme soziale Ungleichheit, dabei haben wir keine Selbstbestimmung, weil unser ganzes System den Bedürfnissen des globalen Kapitals unterworfen ist.

ZEIT ONLINE: Sprechen Sie vom Kapitalismus per se oder vom Neoliberalismus?

Chan: Wir meinen beides. Neoliberalismus ist die dominierende Form, die in Hongkong in den vergangenen Jahrzehnten praktiziert wurde. Aktuell befinden wir uns in einem schmerzhaften Übergang zum chinesischen Staatskapitalismus, in dem Hongkong für chinesische Eliten umstrukturiert wird.

ZEIT ONLINE: Wenn der Kapitalismus das Problem ist, heißt das auch, dass die Hongkonger es nicht lösen können.

Chan: Möglicherweise. Aber die Hongkonger können eine wichtige Rolle dabei spielen. Unser globales kapitalistisches System hat Schwachstellen, und eine dieser Schwachstellen liegt in Hongkong. Die Proteste in Hongkong haben Folgen für die Welt. Deutlich wurde das zum Beispiel Anfang August, als die Demonstrierenden den Flughafen lahmgelegt haben, der ein wichtiges internationales Drehkreuz ist. Auch westliche Touristen waren auf einmal betroffen, in dem Moment begann die ganze Welt auf Hongkong zu schauen. Der Dow-Jones fiel an diesem Tag um gut 300 Punkte, einige Analysten gaben Hongkong dafür die Schuld. Ich sage natürlich nicht, dass wir Hongkonger auf eigene Faust den Kapitalismus aushebeln können, aber wir können uns einsetzen gegen die Kontinuität, gegen das Weiterineinandergreifen von neoliberalem und autoritärem Kapitalismus. Beide Formen sind hegemonial. Wir Hongkonger leben täglich in diesem Widerspruch.