In der US-amerikanischen Umgangssprache steht die "rauchende Pistole" symbolisch für den ultimativen Schuldbeweis. Sinnbildlich lässt sich ein Mörder mit der Waffe in der Hand auf frischer Tat ertappen. Leugnen ist zwecklos. Der Täter ist überführt.

Auch die Demokraten hoffen seit Wochen darauf, eine rauchende Pistole in den Händen von Donald Trump zu finden. Am Freitag könnten sie fündig geworden sein. Während am Nachmittag die – wenig Neuigkeiten beinhaltende – Anhörung der ehemaligen US-Botschafterin Marie Yovanovitch live im Fernsehen übertragen wurde, fand im Anschluss die für das Impeachment wichtigere Aussage von David Holmes, politischer Berater in der US-Botschaft in Kiew, unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Damit sollte verhindert werden, dass andere Zeugen ihre Aussagen an Holmes’ Ausführungen anpassen.

Die Eingangserklärung von Holmes sickerte über den Nachrichtensender CNN dennoch durch. Sie liefert die bisher bedeutendsten Indizien dafür, dass der US-Präsident persönlich auf Ermittlungen gegen Joe Biden und dessen Sohn Hunter in der Ukraine drängte – und das ist der Kern des von den Demokraten eingeleiteten Amtsenthebungsverfahrens gegen den Präsidenten.

Brisanter Anruf in einem Kiewer Restaurant

Holmes hat laut eigenen Angaben ein brisantes Telefonat zwischen dem US-Präsidenten und Gordon Sondland mitgehört. Sondland ist US-Botschafter bei der Europäischen Union und war maßgeblich daran beteiligt, der ukrainischen Regierung die Bedingungen für ein Treffen der beiden Staatsoberhäupter Trump und Wolodymyr Selenskyj zu übermitteln. In einem Kiewer Restaurant soll Sondland mit dem US-Präsidenten telefoniert haben. Während des Gesprächs soll Trump gefragt haben: "Wird er (Selenskyj) die Ermittlungen veranlassen?" Daraufhin habe Sondland geantwortet: "Er macht das. Er würde alles tun, worum Sie ihn bitten."

Der US-Präsident habe dabei so laut gesprochen, dass Sondland sein Mobiltelefon von seinem Ohr entfernte. Deshalb hat Holmes nach eigenen Worten das Telefonat gut verstehen können. Er habe anschließend gefragt, ob Trump sich überhaupt für die Ukraine interessiere. Daraufhin habe Sondland gesagt, dass der US-Präsident sich nur für die "großen Dinge" interessiere – und nannte in diesem Zusammenhang explizit die Ermittlungen gegen Biden. Das Telefonat fand am 26. Juli statt – also einen Tag, nachdem Trump im Telefongespräch mit Selenskyj laut dem vom Weißen Haus veröffentlichten Transkript die Bidens erwähnt hatte. Der Interimsbotschafter in der Ukraine, Bill Taylor, hatte das Telefonat in dem Restaurant bei seiner Anhörung am Mittwoch erstmals öffentlich erwähnt.

Holmes Zeugenaussage ist aus mehreren Gründen bemerkenswert. Im Gegensatz zum Telefongespräch mit Selenskyj forderte Trump laut Holmes’ Aussage direkt und explizit Ermittlungen von der Ukraine. Zudem erwähnte Sondland gegenüber dem Botschaftsmitarbeiter deutlich das Interesse des US-Präsidenten an den Bidens. Allerdings nannte Trump laut Holmes Aussage Bidens Namen in dem Telefonat nicht. Für die Impeachment-Untersuchungen könnte die Aussage des Diplomaten dennoch einen Durchbruch bedeuten.

Eine Spur direkt zum Präsidenten

Seit der Veröffentlichung des Trump-Selenskyj-Gesprächsprotokolls Ende September lässt sich nun erstmals eine Spur direkt zum Präsidenten selbst verfolgen. Bisher fehlten Informationen aus erster Hand. Zwar haben zahlreiche Zeugen in Anhörungen geschildert, wie Trumps Anwalt Rudy Giuliani eine Schattendiplomatie orchestrierte, um den politischen Gegnern des US-Präsidenten zu schaden. Trump selbst konnte oder wollte jedoch niemanden direkt belasten. Selbst Interimsbotschafter Taylor musste bei seiner Anhörung einräumen, dass ihm die Informationen über das mutmaßliche Ukraine-Komplott von Dritten zugetragen wurden. Nun tritt erstmals ein Zeuge in Erscheinung, der behauptet, Trumps Ansinnen persönlich bezeugen zu können. Laut Holmes gibt es zudem zwei weitere Zeugen des Telefongesprächs, die der Kongress ebenfalls vorladen könnte.

Durch Holmes’ Aussage rückt auch Gordon Sondland wieder in den Mittelpunkt der Ermittlungen. In seiner geheimen Anhörung Mitte Oktober hatte der Botschafter noch behauptet, er wisse nichts von einem Quid pro quo – also davon, dass die Auszahlung von 391 Millionen Dollar Militärhilfe und ein Besuch Selenskyjs im Weißen Haus an öffentlich angekündigte Ermittlungen gegen die Bidens geknüpft seien. Anfang November ließ der 62-Jährige dann mitteilen, dass er einem ukrainischen Regierungsberater sehr wohl kommuniziert habe, dass die Gelder seiner Einschätzung nach nur freigegeben würden, wenn die Ukraine den Wünschen des US-Präsidenten entspreche. Allerdings passte Sondland seine Aussage erst an, nachdem Taylor den Ermittlern davon erzählt hatte. Den Anruf im Kiewer Restaurant erwähnte Sondland auch in seiner aktualisierten Aussage nicht. Bisher hat er zudem vermieden, den US-Präsidenten selbst zu belasten.

Die Kongressabgeordneten dürften nun einige Fragen an Sondland haben: Hat Trump im Telefongespräch – oder auch zu einem anderen Zeitpunkt – explizit Ermittlungen gegen die Bidens gefordert und diese an die Auszahlung der Militärhilfen geknüpft? Warum hat Sondland das Telefonat nicht schon früher erwähnt? Welche Informationen hat er noch verschwiegen? Die Öffentlichkeit wird die Möglichkeit bekommen, Sondlands Antworten auf diese Fragen live im Fernsehen zu verfolgen. Am Mittwoch wird er vor dem Geheimdienstausschuss aussagen. 

Die Demokraten werden hoffen, dass er zu seiner Anhörung – im übertragenen Sinne – eine rauchende Pistole mitbringt.