Nicht weniger als sechs, sieben oder gar acht Texte widmeten die New York Times, die Washington Post oder Politico der ersten öffentlichen Anhörung von zwei Zeugen vor einem möglichen Amtsenthebungsverfahren gegen US-Präsident Donald Trump. Die Fernsehsender waren live dabei, als sich das Ausmaß der Ukraine-Affäre entfaltete. Als sich die Vorwürfe, die durch einen Whistleblower öffentlich wurden, im Kern bestätigt haben: dass Trump die Regierung in der Ukraine dazu bringen wollte, seinen politischen Kontrahenten und möglichen Herausforderer bei der Präsidentschaftswahl 2020, Joe Biden, zu diskreditieren.  

Eine Liveübertragung hat viel mehr Potenzial, die Menschen zu erreichen, als die schwer konsumierbaren Protokolle der Ukraine-Anhörungen, die seit Wochen hinter verschlossenen Türen stattgefunden haben. Die Liveübertragung hat aber auch viel mehr Potenzial für die große Show.

Die Anhörungen, an diesem Freitag geht es weiter, wird nicht jeder Zuschauer von der ersten bis zur letzten Minute mitverfolgen, aber wer den Auftakt schaute, der erlebte mit den Diplomaten William B. Taylor jr. und George P. Kent zwei Zeugen, die ihrem Land und dem Verfahren einen Dienst erwiesen. Sie gaben sich nicht der Hysterie der vergangenen Wochen hin und versuchten nicht, ihre Aussage durch Effekte, Emotionalität oder Drama zu verstärken. Sie berichteten sachlich über das, worüber sie berichten konnten.

Es ist ein Machtkampf in Washington von ungeahntem Ausmaß; und der erste Tag war kein guter für Donald Trump und die Republikaner, die in der Verteidigung ihres Präsidenten so schwach agierten, dass die Meinungsschreiber der New York Times ihnen direkt einen Strategiewechsel empfahlen. Die Zuschauer von Trumps Haussender Fox News bekamen freilich einen anderen Spin zu hören: Von in die Mangel genommenen Zeugen und Lücken in ihren Aussagen war dort die Rede. 

Beides ist seit Wochen unausweichlich: die für die Demokraten politisch heikle Prüfung eines Impeachments von Trump und der rhetorische Kampf um die Deutungshoheit dieses politischen Prozesses. Da sind auch die Texte im Dutzend keine Überraschung, die Medien in den USA sind Teil dieses Kampfes um die Interpretation.

700.000 Dreamer fürchten um ihre Zukunft

Doch die Frage muss auch gestellt werden, was im Schatten dieses Machtkampfes, der so weitreichende Folgen haben kann, passiert. Die eigentliche Politik – sie verschwindet nicht hinter der Frage, ob man Donald Trump seines Amtes entheben sollte, doch sie wird degradiert, bekommt einen hinteren Sendeplatz, eine kleinere Schlagzeile weit unter den fetten Lettern zum Impeachment. 

Das Schicksal der knapp 700.000 Dreamer etwa: Einwanderer, die als Kinder mit ihren Eltern illegal in die USA kamen und unter dem von Ex-Präsident Barack Obama geschaffenen Deferred Action for Childhood Arrivals (Daca) vor Abschiebung geschützt sind. Für sie ging es in dieser Woche um ihre Zukunft, ihr Leben in den USA. Und es sieht nicht gut für sie aus. 

Vor dem Supreme Court begann die Anhörung über das Schicksal der Dreamer. Trump will das Daca-Programm beenden, sie in Länder zurückschicken, die die meisten von ihnen nicht als Heimat begreifen und vielfach gar nicht kennen. Er will ihnen ihre Heimat in den USA nehmen, weil er in ihnen "sehr raue, hartgesottene Verbrecher" sieht.

Der mehrheitlich konservativ besetzte Supreme Court ließ in seiner ersten Anhörung anklingen, dass er geneigt ist, Trumps Entscheidung zu stützen. Ein Supreme Court, den Trump während seiner Präsidentschaft mit zwei Richternominierungen zu dem konservativen Gericht machen konnte, das es heute ist, und der nun über Jahre hinweg die Politik des Landes entsprechend zu beeinflussen vermag. 

Über die Dreamer wurde auch in dieser Woche berichtet, gehört wird aber in diesen Tagen außer "Impeachment, impeachment" fast nichts. Der Supreme Court wird im kommenden Jahr über das Daca-Programm und die Dreamer richten. Inmitten eines Präsidentschaftswahlkampfes, bei dem, ganz unabhängig davon, ob der Kandidat der Republikaner dann Donald Trump heißt oder nicht – und derzeit spricht wenig dafür, dass sich seine Partei von ihm abwendet –, Einwanderung eines der zentralen Themen sein wird. Für viele ein wahlentscheidendes Thema, ein emotionales und wichtiger als Anhörungen und Machtkämpfe in Washington.

Das macht ein mögliches Amtsenthebungsverfahren nicht weniger notwendig und wichtig. Aber die eigentliche Politik, das, was Donald Trump, solange er im Oval Office sitzt, gestalten kann, verdient von allen mehr Aufmerksamkeit als eine kleine Schlagzeile. Von Medien, von demokratischen Präsidentschaftskandidaten, vom Kongress. Die Wählerinnen und Wähler sollten in den kommenden Wochen und Monaten nicht nur ein serientaugliches Spektakel präsentiert bekommen, sondern gleichermaßen auch das, was die Zukunft ihres Alltages direkt beeinflussen wird. 700.000 mögliche abgeschobene Dreamer sind nur ein erschreckender Teil davon.