Der britische Oppositionsführer Jeremy Corbyn muss sich zum Wahlkampfauftakt gegen neue Antisemitismusvorwürfe wehren. Die Kritik kommt zum einen vom früheren Labourminister Ian Austin und zum anderen vom Jewish Chronicle. Die Zeitung gilt als Sprachrohr der jüdischen Gemeinde in Großbritannien und rief nun dazu auf, dem Oppositionsführer die Stimme zu verweigern. Auch Austin äußerte sich entsprechend.

In der Labourpartei wird seit Monaten über Antisemitismus in den eigenen Reihen debattiert. Auslöser waren eine Dokumentation der BBC sowie zuvor eine parteiinterne Untersuchung, in der über viele Fälle berichtet wurde. Demnach verbreiteten zahlreiche Parteimitglieder und Kommunalpolitiker auf Facebook und Twitter antisemitische Verschwörungstheorien, wonach die BBC von einem jüdischen Kartell geführt werde und "jüdische Millionäre" die Weltmacht anstrebten.

Parteichef Corbyn hatte bereits im vergangenen Jahr eingeräumt, dass Labour ein "echtes Problem" mit Antisemitismus habe. Disziplinarverfahren gegen antisemitische Parteimitglieder seien zu langsam und zu zaghaft betrieben worden. Allerdings wurden auch ihm selbst solche Vorwürfe gemacht. Kritiker halten ihm eine einseitige Unterstützung der Palästinenser im Nahostkonflikt vor. Auch deshalb würde er die antisemitischen Ausfälle in seiner Partei nicht konsequent genug bekämpfen.

Einer seiner größten Kritiker war dabei ausgerechnet sein bisheriger Stellvertreter Tom Watson. Er verwarf sich mit seinem Chef nicht nur in puncto Brexit, sondern sammelte laut Medienberichten auch all jene Fälle von Antisemitismus, die von der Parteiführung nicht geahndet wurden. Nun erklärte Watson überraschend seinen Rücktritt – pünktlich zum Beginn des Wahlkampfs für die vorgezogene Parlamentswahl am 12. Dezember. Er selbst will seine Entscheidung zwar als "persönlich, nicht politisch" verstanden wissen. Allerdings kann der Zeitpunkt auch als Angriff auf Corbyn gewertet werden.

Zugleich wurden dann die Nicht-Wahl-Aufrufe des Jewish Chronicles und des Ex-Ministers Austin bekannt. Die Zeitung forderte ihre Leser – explizit auch alle nichtjüdischen Leser – dazu auf, ein Zeichen gegen "Rassismus" zu setzen und nicht Corbyn zu wählen. Austin zufolge ist der Labourchef "unfähig", das Amt des Premierministers auszuüben. In der BBC verwies er vor allem auf den "Antisemitismus, der die Partei unter der Führung von Jeremy Corbyn vergiftet hat".