Zu dem dramatischen Regierungssturz in Bolivien wird eine ideologische Frage heiß diskutiert: War es nun ein Militärputsch oder war es keiner? Oder war es gar ein Sieg für die Demokratie?

In Wahrheit ist diese Diskussion reichlich müßig, denn diese scheinbaren Gegensätze schließen sich nicht aus. Evo Morales, seit 2006 der Präsident des Elf-Millionen-Einwohnerlandes in Südamerika, war bis zu den Tumulten vom Wochenende recht eindeutig auf dem Weg in den Autoritarismus. Dazu kurz die Fakten: Er hatte die Verfassung ausgetrickst, um ein viertes Mal als Präsident zu kandidieren. Dann gab es bei dieser Präsidentschaftswahl offenbar mehrere Anzeichen eines Wahlbetrugs, die von der (freilich nicht ganz neutralen) internationalen Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) festgestellt wurde. Morales-treue Schlägertrupps lieferten sich draußen auf den Straßen Schlachten mit Andersdenkenden und schüchterten die Bevölkerung ein. Die Gewalt kam und kommt derzeit von beiden Seiten und nimmt zur Stunde erschreckende Ausmaße an.

Als dann ein hoher Vertreter des Militärs dem Präsidenten "nahelegte", zurückzutreten, war das ein Ruf, der Morales längst auch aus vielen anderen Sektoren der bolivianischen Gesellschaft entgegenschallte. Berichten zufolge kam diese Forderung zum Beispiel auch von den Gewerkschaften. Etwa zu dieser Zeit hatte Morales freilich schon aufgegeben, seine umstrittene Wahl durchzusetzen. Teile der Polizei und des Militärs hatten ihm die Unterstützung verweigert. Morales kündigte an, die Wahl zu wiederholen.

Selbstverständlich kann man Morales Verhalten als den gescheiterten Versuch einer autoritären Machtergreifung deuten – erst recht, wenn die Wahlbetrugsvorwürfe durch die Opposition und die OAS-Organisation in den kommenden Wochen bestätigt werden. Ebenso klar ist jedoch, dass Bolivien einen Militärcoup vonseiten der Generäle erlebt hat. Beides stimmt, es schließt sich nicht aus. Ein Militärcoup ist auch dann einer, wenn er großen Teilen der Bevölkerung als eine vernünftige Entscheidung erscheint oder wenn er ein anderes autoritäres Projekt verhindern hilft.

Vorläufig ein Machtvakuum

Morales – dessen Mandat aus der vorigen Wahlperiode noch gar nicht geendet hat – hatte bereits klein beigegeben und zumindest angekündigt, den Weg zu demokratischen Neuwahlen zu öffnen. Stattdessen gibt es vorläufig ein Machtvakuum an der Spitze des Staates, und ein Fragezeichen hängt über der bolivianischen Demokratie. Eine Senatorin hat sich zur Interimspräsidentin ausgerufen, weil sie laut Verfassung tatsächlich die nächste in der Reihe wäre, aber sie kommt aus einer ultrarechten, religiösen Partei und hat eher das Potenzial, das Volk noch weiter zu polarisieren, als es zu einen. Aus Bolivien kommen Berichte von massiven Polizei- und Militäreinsätzen und gewaltsamen Zusammenstößen. Beide Seiten trauen einander nicht mehr. Die Chancen sind klein, dass die nächsten Wahlen in Bolivien als lupenrein demokratisch angesehen werden: Schließlich fehlt ja einer der Wahlfavoriten, Morales, er wurde ins Exil gedrängt.

Auffällig ist hier die Grundhaltung, die sich in dem Verhalten der bolivianischen Militärchefs am vergangenen Wochenende zeigt: Wenn die Demokratie nicht mehr richtig "funktioniert", schreiten sie ein. Das Militär sieht sich nicht nur als Diener des souveränen Volkes, gemäß der jeweiligen Verfassung, sondern es glaubt, auch selbst zu einer Art höheren Instanz werden zu können, zum Schiedsrichter, zum Beaufsichtiger. Diese Haltung trifft man nicht nur in Bolivien an, sie ist ein regionales Problem. Südamerika erlebt eine Rückkehr der Generäle.

Natürlich: Nirgendwo zeichnet sich bislang eine Ära finsterer Militärdiktaturen ab wie in den Sechziger- und Siebzigerjahren, im Kalten Krieg. Auch ist die Lage in jedem Land ein wenig anders. Am Ähnlichsten den ganz alten Zeiten ist bisher, was sich in Venezuela abspielt.