Die strenge Trennung, die man anderswo auf der Welt für richtig hält – Soldaten vorwiegend für Auslandseinsätze, Polizei fürs Innere – wurde in Südamerika auch nach der autoritären Ära nicht zur Regel erhoben. Militärs werden dort viel im Landesinneren eingesetzt, etwa auch beim Katastrophenschutz, bei der Kontrolle von Menschenmassen bei Großdemonstrationen oder bei der Bekämpfung von Drogenverbrechen.

In quasi allen Ländern wurde um des Friedens willen auf eine hinreichende Aufarbeitung der Verbrechen der Diktaturzeit verzichtet. Das schuf eine schwierige Balance zwischen Zivilen und Uniformierten. In etlichen Ländern, etwa in Brasilien, aber auch in Chile, wurden Soldatenkader in einer Art Parallelgesellschaft herangezogen, mit eigenen Schulen, eigenen intellektuellen Diskursen und sogar eigenen Buchverlagen. Verbrechen der Diktaturzeiten wurden dort häufig ausgeblendet, kleingeredet oder schlicht anders interpretiert, als es in der zivilen Gesellschaft der Fall war. Nicht selten hält man sich in diesen Kreisen für eine moralisch überlegene Instanz.

Nun sollen Soldaten vielerorts in Lateinamerika die Macht von demokratisch gewählten Präsidenten sichern, denen sie in ihren tief gespaltenen und zerstrittenen Gesellschaften entgleitet. Oder sie sollen sogar den Schritt demokratisch gewählter Präsidenten in ein autoritäreres System mittragen – wie die Militärs in Bolivien es dem Präsidenten Morales gerade verweigert haben. Was wird in Bolivien jetzt passieren: Schaffen die Militärs einen raschen Übergang zurück in die Demokratie und in den inneren Frieden? Oder installieren sie ein neues autoritäres Regime von rechts?

Beunruhigend ist, dass sich in etlichen südamerikanischen Ländern die Militärs inzwischen selbst für die Lösung aller Probleme halten. Je größer in der Region gerade die Enttäuschung mit der wirtschaftlichen Entwicklung wird und je hilfloser und zerstrittener die demokratische Politik darauf reagiert, desto lauter werden öffentliche Rufe nach einer starken, ordnenden und gut bewaffneten Hand. Im links regierten Venezuela gibt es solche Leute genauso wie im rechtsradikal regierten Brasilien, wo in diesen Tagen Hausfrauen an der Copacabana demonstrieren gehen und Banner mit dem Spruch "Militärinvention jetzt!" schwenken.

Das Vertrauen in die jungen Demokratien Südamerikas reicht nicht überall sehr tief. Der Coup von La Paz, das Eingreifen der Militärs in die Absetzung von Evo Morales birgt die Gefahr, dass dieses Beispiel auch in anderen Ländern der Region Schule macht.