Es war Sonntagabend, am 10. November, als Isabel Mercado von dem Angriff auf eine Kollegin erfuhr. Wie die meisten Bolivianer kannte die Chefredakteurin der Zeitung Página Siete die TV-Journalistin Casimira Lema. Deren Fernsehstation hatte aufgedeckt, wie Evo Morales die Ergebnisse der bolivianischen Präsidentschaftswahlen im Oktober manipuliert hatte. Jetzt zogen Demonstranten, mutmaßlich Morales' Anhänger, vor Lemas Haus und legten Feuer. Der Vorfall erinnerte Isabel Mercado an ein Video von Präsident Morales. Darin hält er eine Ausgabe ihrer Zeitung hoch und erklärt Página Siete zum "Feind des Volkes". "Wir hatten Angst, dass uns das Gleiche passieren würde wie Casimira", sagt Mercado. Der Mob hätte weiterziehen können zu ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

In jener Nacht des 10. Novembers war Präsident Evo Morales zurückgetreten und nach Mexiko geflohen. Einst stand Morales für Hoffnung und Aufbruch. Er war der erste indigene Präsident Südamerikas. Er schaffte es, Boliviens Wirtschaftsleistung zu steigern und die Armut zu halbieren. Doch Morales wandelte sich auch zum Autokraten. Bei der Wahl im Oktober war der 59-Jährige bereits zum dritten Mal angetreten, obwohl Boliviens Verfassung nur eine Wiederwahl erlaubt. Die Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) sieht es als erweisen an, dass Morales bei der Wahl am 20. Oktober betrogen hat, um sich zum Sieger zu erklären. Seitdem beherrschen fast täglich gewaltsame Unruhen das südamerikanische Land. Mehr als 20 Menschen kamen bisher ums Leben, Hunderte wurden verletzt.

Es gäbe viel zu berichten für die Zeitung Página Siete aus der Hauptstadt La Paz, die für ihre Unabhängigkeit und ihren kritischen Geist bekannt ist. Doch in dieser historischen Nacht von Morales' Rücktritt und dem Angriff auf die Fernsehjournalistin Lema entschied sich Isabel Mercado dagegen, weiter zu dokumentieren, was in ihrem Land passiert. Zu groß war die Gefahr. Die Chefredakteurin schickte alle Journalistinnen und Mitarbeiter nach Hause. An den Kiosken würde am nächsten Tag keine Montagsausgabe liegen. "Die ganze Stadt ist eingeschüchtert von den Mobs, die angreifen und angreifen", sagt Mercado.

Druckerei evakuiert

Nicht nur die Sicherheit der Journalisten war bedroht. Die Druckerei von Página Siete liegt in einem Viertel, in dem besonders viele Unterstützer von Evo Morales leben. Wütende Demonstranten griffen zwei Tage nach Morales' Rücktritt das Druckhaus an, die Mitarbeiter mussten evakuiert werden. 

Die bolivianische Staatskrise ist auch eine Krise der Meinungsfreiheit und der unabhängigen Medien. Auf der Rangliste der Pressefreiheit der Organisation Reporter ohne Grenzen steht Bolivien auf Platz 113 von 180. Evo Morales und seine Anhänger sahen in der unabhängigen Presse nicht nur den "Feind des Volkes", sondern auch die Stimme der Opposition, sagt Mercado. Für sie sind das haltlose Vorwürfe. "Wir haben immer versucht, gegen den Strom zu schwimmen", sagt die Chefredakteurin. Auch die bolivianische Opposition habe oft nicht mit Página Siete sprechen wollen. "Sie wollen, dass wir militant sind, und wir wollen nur Journalisten sein", sagt Mercado.

Morales hab nie mit Página Siete gesprochen. "Vor der letzten Wahl haben wir Interviews mit allen neun Kandidaten veröffentlicht, außer mit der MAS", sagt Isabel Mercado. Die MAS, die Bewegung zum Sozialismus, ist die Partei von Evo Morales. "Wir haben uns dann entschieden, ein Nicht-Interview zu veröffentlichen: Wir haben den Lesern alle Fragen gezeigt, die wir Morales gerne gestellt hätten, ohne seine Antworten", sagt Mercado.