Zum Wahlkampfauftakt in Großbritannien hat der konservative Premierminister Boris Johnson seinen Herausforderer Jeremy Corbyn mit dem sowjetischen Diktator Josef Stalin verglichen. Die Labour-Partei habe unter Corbyn einen regelrechten Hass auf jede Art von Profitstreben entwickelt, schrieb Johnson in der britischen Tageszeitung Daily Telegraph. Dabei werde mit dem Finger auf Individuen gezeigt – "mit einem Vergnügen und einer Rachsucht, wie es nicht mehr gesehen wurde, seit Stalin die Kulaken verfolgte".

Johnson bedient sich damit der verächtlich machenden Bezeichnung für wohlhabende Bauern in der Stalin-Zeit. Sowjetdiktator Josef Stalin (1879-1953) hatte zu Beginn der Dreißigerjahre Tausende solcher Bauern verhaften, deportieren und ermorden lassen. Corbyn wies Johnsons Beleidigung auf Twitter zurück. Die Meinungsäußerungen des Premierministers stünden für den "Unsinn", der von Ultrareichen vorgebracht werde, um "ein wenig höhere Steuern" zu vermeiden.

Die Labour-Partei will unter Corbyn die Verstaatlichung zahlreicher Betriebe, eine Erhöhung des Mindestlohns und die Verringerung der Wochenarbeitszeit auf 32 Stunden erreichen. Dafür sind Steuererhöhungen für Reiche geplant.

Zugleich warf Johnson dem Labour-Chef vor, im Falle der Giftattacke von Salisbury auf der Seite Russlands gewesen zu sein. Corbyn habe sich an die Seite des russischen Präsidenten Wladimir Putin gestellt, als Russland den Angriff auf den früheren russischen Doppelspion Sergej Skripal anordnete. Skripal und seine Tochter Julia hatten die Attacke im März 2018 nur knapp überlebt. Eine unbeteiligte Frau starb, als sie mit dem Gift in Kontakt kam, das sich als der in der Sowjetunion entwickelte Kampfstoff Nowitschok herausstellte.

Die Regierung in London hatte sich schnell darauf festgelegt, dass Russland hinter dem Anschlag stecken müsse, während Labour-Chef Corbyn davor warnte, voreilige Schlüsse zu ziehen. Später wurden zwei Russen als mutmaßliche Täter identifiziert, die von Journalisten als Agenten des russischen Militärgeheimdiensts GRU entlarvt wurden. Die russische Regierung streitet jegliche Beteiligung weiterhin ab. Der Fall löste eine schwere diplomatische Krise aus.

Neuwahl am 12. Dezember

In der Nacht zum Mittwoch wurde das britische Parlament offiziell aufgelöst. Queen Elizabeth II empfing Johnson zum offiziellen Wahlkampfauftakt zu einer Audienz. Neuwahlen sind für den 12. Dezember geplant. In den Umfragen hatten die konservativen Tories zuletzt einen deutlichen Vorsprung vor der Labour-Partei. Johnson hofft auf eine klare Mehrheit, um das von ihm mit der EU ausgehandelte Brexit-Abkommen durch das Parlament zu bekommen.

Eigentlich hatte der Premierminister das Austrittsdatum 31. Oktober um jeden Preis einhalten wollen – nach eigener Aussage wollte er lieber "tot im Graben liegen", als den Brexit zum dritten Mal zu verschieben. Eine Verlängerung der Frist bis zum 31. Januar musste er beantragen, weil das Parlament dem Abkommen nicht im Eiltempo zustimmen wollte.