In Chile demonstrieren die Menschen seit Anfang Oktober gegen die Regierung. Sie fordern Sozialreformen und eine neue Verfassung, und sie lassen nicht nach. Erst am Dienstag waren erneut Hunderttausende auf der Straße. Viele folgten außerdem dem Aufruf zu einem Generalstreik. Zwar hat die Regierung unter Präsident Sebastián Piñera bereits einige Reformen angekündigt, doch zugleich gehen die Sicherheitskräfte mit teils brutaler Gewalt gegen die Demonstrierenden vor.

Es gibt zahlreiche Berichte über Menschenrechtsverletzungen, beispielsweise den Gebrauch von Schusswaffen gegen friedliche Protestierende, sexualisierte Gewalt und Misshandlungen im Polizeigewahrsam. Derzeit untersucht eine von der UN-Menschenrechtskommissarin Michelle Bachelet, der früheren chilenischen Präsidentin, entsandte Delegation die Vorwürfe. Der Anwalt Ignacio Suárez war unter Bachelet Staatssekretär im Justizministerium. Im Interview spricht er über die Gewalt und die Chancen des Protests.

ZEIT ONLINE: Herr Suárez, bei den Protesten sind bislang mindestens 20 Menschen ums Leben gekommen, manche Quellen sprechen von 29 Toten. Laut der bislang aktuellsten Erhebung des chilenischen Menschenrechtsinstituts INDH wurden mehr als 2.000 Verletzte in Kliniken behandelt. Mehr als die Hälfte von ihnen wurde durch Schusswaffen verwundet, sehr viele davon an den Augen. Woher kommt die Gewalt?

Ignacio Suárez: Wir haben es hier ganz offenkundig mit systematischen Menschenrechtsverletzungen vonseiten der Regierung zu tun, ausgeführt vom Militär und der Polizei. Bis vergangene Woche wurden mehr als 2.300 Fälle von Verstößen gegen die Menschenrechte gemeldet, und mindestens fünf Menschen sind durch Sicherheitskräfte getötet worden. Das alles geschieht, obwohl die Menschen friedlich protestieren.

ZEIT ONLINE: Es gab aber auch Berichte über gewalttätige Demonstranten, die beispielsweise Brandsätze auf Polizisten warfen und Kamerateams angriffen.

Suárez: Es stimmt, dass es auch Plünderungen und Vandalismus durch Demonstranten gab. Aber die große Mehrheit protestiert friedlich. Außerdem ist derzeit die Angst vor Polizisten, die sich nicht einmal an ihre eigenen Vorschriften halten, viel größer als vor Plünderern.

ZEIT ONLINE: Welche Vorschriften meinen Sie?

Suárez: Die Regeln legen genau fest, in welchem Fall die chilenischen Carabineros Gewalt anwenden dürfen. (Die Carabineros sind eine Polizei in militärischer Uniform, die sich von der Kriminalpolizei unterscheidet, Anm. d. Red.) Sie dürfen zum Beispiel Schusswaffen nur einsetzen, um in Gefahr geratene Passanten oder sich selbst zu schützen. Doch die Carabineros nutzen ihre Schusswaffen bereits, um friedliche Proteste aufzulösen. Sie schießen den Menschen sogar willkürlich ins Gesicht.

Zwar haben Mario Rozas, der Direktor der Carabineros, und Innenminister Gonzalo Blumel erst vor wenigen Tagen angekündigt, den Schusswaffengebrauch einzuschränken. Gleichzeitig hieß es aber, er sei in Situationen erlaubt, in denen die Unversehrtheit von Personen und von privatem sowie öffentlichem Eigentum gefährdet ist.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet das konkret?