Es sind die bisher schwersten Zusammenstöße zwischen Polizei und Demonstrierenden in Hongkong: Nachdem die Polizei den besetzten Campus der Polytechnischen Universität eingekesselt hatte und sogar drohte, scharf zu schießen, verteidigten Demonstrierende den Unieingang in der Nacht von Sonntag auf Montag. Sie zündeten Molotowcocktails, setzten Teile des Campus in Brand und versuchten mit Protesten in anderen Stadtteilen, die Polizei von der Universität abzulenken. Am Montagmorgen sitzen offenbar noch immer mehrere Hundert Demonstrierende auf dem Campus fest, darunter Verwundete und Minderjährige. Wenn sie versuchen zu fliehen, treiben Polizisten sie mit Tränengas und Plastikgeschossen zurück oder nehmen sie gewaltsam fest. 

Die Eskalation markiert ein neues Kapitel in Hongkongs politischer Krise und den Protesten, die im Juni als friedliche Massenproteste gegen ein umstrittenes Auslieferungsgesetz begannen. Das Auslieferungsgesetz hat die Regierung zwar inzwischen zurückgezogen. Aber die Forderungen der Demonstranten gehen inzwischen weit darüber hinaus: Sie wollen unter anderem eine Untersuchung der Polizeigewalt der vergangenen Monate und ein allgemeines Wahlrecht. Die breite Bevölkerung unterstützt sie darin. Doch die Hongkonger Regierung weigert sich seit Monaten, eine politische Lösung zu suchen. Stattdessen verdammt sie die Demonstrierenden und versucht, die Proteste mit Repressalien zu verhindern.

Die Situation eskalierte, nachdem am 8. November der Student Chow Tsz-lok, auch bekannt als Alex Chow, starb, der wenige Tage zuvor nahe einem Polizeieinsatz von einem Gebäude gefallen war. Am 11. November gingen außerdem Videos viral, die das brutale Auftreten der Polizei zeigten: In einem Video schießt ein Polizist einen jungen unbewaffneten Demonstranten an. In einem weiteren fährt ein Polizist auf einem Motorrad gezielt in eine Gruppe von Demonstrierenden und versucht, so viele wie möglich anzufahren. Die Bilder von Polizeigewalt gehören in Hongkong mittlerweile zum Alltag. Konsequenzen für die Polizisten gab es bisher nicht. 

Die Mittelschicht protestiert in Anzügen

Die fehlenden Konsequenzen solcher Vorfälle haben dazu geführt, dass plötzlich auch die Mittelschicht in Anzügen und Lederschuhen auf die Straße geht. Bis vor Kurzem waren es vor allem sogenannte yungmo, junge Menschen in schwarzer Kleidung und voller Ausrüstung, die sich mit der Polizei anlegten und dafür Tränengas abbekamen. Jetzt protestieren auch wohlhabende Angestellte der Finanzindustrie in Designerkleidung. Als Reaktion auf den Tod Chows und die neuen Videos von Polizeigewalt sind sie vergangene Woche während ihrer Mittagspausen im Finanzdistrikt auf die Straße gegangen. Sie riefen den neuen Slogan der Bewegung, "Hongkonger:innen, nehmt Rache!", besetzten Straßen und trugen Masken, obwohl wegen des Vermummungsverbots darauf bis zu zwei Jahre Haft stehen. Auch sie wurden mit Tränengas beschossen. 

Für den Politikwissenschaftler Ngok Ma, der sich an der Chinese University of Hong Kong (CUHK) seit Langem mit der besonderen politischen Situation der Metropole beschäftigt, sind die Proteste der wohlhabenden Mittelschicht überraschend. "Niemand hätte erwartet, dass diese Leute auf die Straße gehen, eine Maske aufsetzen und das Gesetz brechen", erklärt er. "Sie sind diejenigen, die vom System profitieren."   

Nicht nur erweitert sich ihr Unterstützerkreis, auch verändern die Demonstranten ihre Strategie: Zum ersten Mal haben sie die Maxime "Seid Wasser!" aufgegeben: Um Festnahmen zu entgehen, verschwanden sie bislang immer dann, wenn die Polizei anrückte. Inzwischen aber haben sich die Demonstrierenden in fünf Universitäten verbarrikadiert und bauen Katapulte und Blockaden aus Ziegelsteinen und Zement, legen Molotowcocktailreserven an. "Nach dem Tod von Alex Chow und den Schüssen am Montag dachten Leute, dass die Bewegung Eskalation brauchte", sagt Aktivist und Autor Kong Tsung-gan. "Von den Unis aus konnten sie wichtige Autobahnen blockieren."

Keine politische Lösung in Sicht

Die Eskalation der Gewalt macht deutlich, wie verfahren die politische Situation ist. Es fehlt an neutralen Unterhändlern, um etwa die Lage an der Polytechnischen Universität zu deeskalieren. Hier hatte die Polizei am Sonntag mehrere Hundert Demonstrierende, darunter mehrere Minderjährige, umzingelt und bedroht. Doch Lokalpolitiker und Politikerinnen und der Hongkonger Bischof Joseph Ha, die sich mehrfach als Unterhändler anboten, wurden von der Polizei ebenfalls bedroht, weggeschickt oder mit Pfefferspray besprüht. 

Das Vertrauen in die Polizei ist zutiefst zerstört, nachdem Polizisten seit Monaten ohne Konsequenzen immer wieder gewaltsam Demonstrierende festnehmen. Viele Protestler bezweifeln, dass sie sich an ein Abkommen halten würde und wurden über Nacht in ihrer Skepsis bestätigt: Teng Jin-Guang, Präsident der Polytechnischen Universität, hatte am Sonntagabend versprochen, dass die Polizei friedliche Demonstrierende abziehen lassen würde. Stattdessen wurden aber alle Demonstranten, die den belagerten Campus verlassen wollten, mit Tränengas beschossen oder festgenommen. Auch Journalisten und Journalistinnen wurden durchsucht und bedroht. Mehrere Versuche, in großen Gruppen den Polizeikessel zu durchbrechen, scheiterten. Die Hongkonger Regierung schweigt derweil weiter und überlässt der Polizei die Verantwortung für die Krise.