Es sollten ein paar Stunden des Innehaltens werden. Der Erinnerung an den Mut von Menschen, die ihr persönliches Glück hinter dem einer Gemeinschaft anstellen und deshalb später als Helden gelten dürfen. Als Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron am Sonntagabend in Berlin auf Einladung von Präsident Frank-Walter Steinmeier im Schloss Bellevue mit Vertretern der einstigen DDR-Bürgerrechtsbewegung speiste, traf er auf solche Helden. Zurück in Paris gedachte er anderntags erst auf den Champs-Elysées den französischen Soldaten im Ersten Weltkrieg. Der 11. November, Tag des Friedensschlusses vor 101 Jahren, ist in Frankreich ein Feiertag. Am Nachmittag folgte die Einweihung eines Denkmals für diejenigen, die seit dem Zweiten Weltkrieg bei französischen Auslandseinsätzen fielen. Mehr als 500 sind es. 

Doch wo immer Macron auftritt, ist für Innehalten wenig Zeit. Nach Berlin folgte ihm seine harsche Kritik an der Nato, der er in einem Interview den "Hirntod" bescheinigt hatte. Zu Hause muss er sich für eine allenfalls durchwachsene Bilanz nach der Hälfte seiner Amtszeit rechtfertigen. Am kommenden Donnerstag ist Macron seit genau zweieinhalb Jahren Präsident. Drei Tage später jährt sich der Beginn des Bürgerprotests der "Gelbwesten". Heftige Proteste könnten folgen. Die Bewegung hat sich zudem dem Aufruf der Gewerkschaften zu einem Tag des Ausstands Anfang Dezember gegen die umstrittene Rentenreform angeschlossen. Dass der französische Staatschef auch auf internationaler Bühne zunehmend undiplomatisch und ungestüm Forderungen aufstellt, liegt deshalb nicht nur an seinem Naturell. Immer deutlicher zeigt sich, dass die von ihm betriebene Polarisierung in Fortschrittsgläubige und Rückwärtsgewandte hoch riskant ist.

"Was er gesagt hat, das macht er auch!"

Macron würde sich vermutlich gern selbst eines Tages in die Reihe der Helden einordnen, die ohne Rücksicht auf den persönlichen Vorteil zu Gunsten des großen Ganzen handeln. "Was er gesagt hat, das macht er auch!" Mit Ausrufezeichen versehen verschickte die Präsidenten-Partei La République en Marche (LREM) vorige Woche diesen Satz an ihre Anhänger. "85 Prozent der Maßnahmen in unserem Programm wurden bereits umgesetzt oder sind auf dem Weg", hieß es in der Mail weiter.

Die Wahrnehmung bei der Mehrheit der Bevölkerung ist eine andere. In einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Odaxa teilen lediglich 16 Prozent die Einschätzung des Präsidenten, seine Politik habe die versprochene Chancengleichheit erhöht. Sieben von zehn Befragten haben demnach kein Vertrauen in seine Wirtschaftspolitik. Zuversichtlich sind lediglich Führungskräfte und Wohlhabende.

"Eine Kurve zeichnet sich ab", meint Jérôme Fourquet, Leiter eines anderen Pariser Meinungsforschungsistituts, Ifop. "Aber für sichtbare Ergebnisse sind zwei Amtszeiten nötig."

Die Frage ist, ob die Wählerinnen und Wähler Macron eine solche gewähren werden. Müssten sie nächsten Sonntag abstimmen, lägen der amtierende Präsident und seine Rivalin Marine Le Pen vom Rassemblement National (RN) nahezu gleichauf. Je nachdem, wen die konservative Partei der Republikaner aufstellen würde, würde Le Pen Macron sogar überholen. In der Stichwahl der beiden Bestplatzierten würde Macon dann zwar mit 55 Prozent gewinnen. Damit würde er aber im Vergleich zu 2017 bereits elf Prozentpunkte an Le Pen verlieren. Und wenn nur weitere fünf Prozent bis Mai 2022 nach rechts driften, oder die Zahl derjenigen zunimmt, die einen leeren Wahlschein abgeben, ist die Aussicht auf eine Präsidentin Le Pen nach Einschätzung der Meinungsforscher alles andere als unrealistisch.