Dieses Jahr hätte auch Bolivien seinen großen 9. November erleben können. Präsident Evo Morales saß vor der Presse und vor den Trümmern seines Versuchs, sich mit einem manipulierten Wahlergebnis eine vierte Amtszeit zu sichern. Knapp drei Wochen nach der Wahl waren die Proteste im Land unaufhaltsam geworden, selbst die Polizei hatte sich dem Generalstreik angeschlossen. Und als der Präsident die Armee ausschicken wollte, stellte deren Oberbefehlshaber klar, dass sich das Militär nicht einmischen werde – und legte Evo Morales zugleich den Rücktritt nahe.

Aber Morales klammerte sich noch den ganzen Tag an seinem Amt fest. Erst am 10. November dankte er ab und verschanzte sich in der Region Chapare: da, wo zu Beginn des Jahrtausends der politische Aufstieg des Coca-Gewerkschafters Evo Morales begonnen hatte. Und weil die Coca-Bauern von Chapare nach wie vor sein treuestes Gefolge sind, riefen sie angesichts des hohen Gasts zum Bürgerkrieg auf.

Sogleich machte in Bolivien die Theorie die Runde, nur zum Schein habe sich Evo zurückgezogen. Von Chapare aus werde nun der eigentliche Staatsstreich geführt, und als Nächstes greife dann doch die Armee ein – um Morales wieder an die Macht zu bringen. Wie hatte sein Vize Álvaro García Linera noch bei der Rücktrittserklärung gedroht? "Wir werden wiederkommen, und wir werden Millionen sein." Evo selbst wurde nicht müde, zu wiederholen, dass er einem Putsch von rechts zum Opfer gefallen sei. Was aber ist wirklich geschehen in den Wochen seit der Wahl in Bolivien?

Plötzlich liegt Morales vorn

Am Abend des 20. Oktober – die Urnen sind seit ein paar Stunden geleert, 83 Prozent der Stimmen ausgezählt – liegt Evo Morales laut offizieller Hochrechnung sieben Prozentpunkte vor seinem wichtigsten Herausforderer Carlos Mesa. Das hieße Stichwahl: Erst ab zehn Punkten Vorsprung ist der Präsident auf Anhieb gewählt. Bei der Stichwahl hätte Mesa, Kompromisskandidat der Evo-müden Linken, beste Chancen auf den Sieg, zumal ihm der Dritt- und Viertplatzierte ihre Unterstützung zugesichert haben.

Nun treten Evo und sein Vize vor die Kameras und beteuern, sie hätten die Wahl triumphal gewonnen. Sogleich frieren die offiziellen Zahlen ein. Fast 24 Stunden lang werden sie nicht mehr aktualisiert. Als dann doch wieder Resultate verkündet werden, liegt Morales plötzlich mehr als zehn Punkte vorn. Die Stichwahl scheint sich zu erübrigen.

Die regierungseigene Wahlbehörde erklärt, der Zuwachs sei dem voto rural zu verdanken, den Ergebnissen aus dem ländlichen Raum, die nur mit Verzögerung eingetroffen seien. Vor dem Internet dauerte das tatsächlich manchmal Tage. Aber das ist lange her; sogar noch länger als die Zeiten, da Evo in den Dörfern des Altiplano wirklich auf 90 Prozent der Wählerstimmen hoffen konnte.