Die Arbeit von Flüchtlingshelfern ist gefährlich. Wer das Genfer Hauptquartier des UNHCR betritt, kommt an einer Erinnerungstafel vorbei, auf der jener Mitarbeiter gedacht wird, die bei ihrem Einsatz ums Leben gekommen sind. Das Blumengebinde davor ist reichlich vertrocknet, in der Zentrale des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen hat man nicht viel Zeit, sich mit den Risiken der eigenen Arbeit zu beschäftigen.

Auch UNHCR-Chef Filippo Grandi winkt bei der Frage ab. Eine Flüchtlingskrise jagt die andere, rastlos reist er um die Welt, muss bei Regierungen um Geld bitten und darum, mehr Flüchtlinge bei sich aufzunehmen. Das ist nicht leicht, die Stimmung hat sich in den vergangenen Jahren gedreht, Grandi spürt eine wachsende Feindseligkeit – auch gegenüber seiner Behörde.

Der in Italien geborene freundliche, hochgewachsene Diplomat, der mit offiziellem Titel "UN-Hochkommissar für Flüchtlingsfragen" heißt, hat eigentlich nie Zeit, schon gar nicht für Fragen von Journalisten. Doch weil die Probleme derart drücken, hat sich der 62-Jährige ausnahmsweise für unser Gespräch eine ganze Stunde Zeit genommen.

Eine fast unmögliche Aufgabe

70,8 Millionen Flüchtlinge zählte der UNHCR Ende des vergangenen Jahres. 24,9 Millionen mussten ihr Land verlassen und Grenzen überschreiten, 20,4 Millionen Menschen stehen unter dem Mandat des Flüchtlingskommissariats, 3,5 Millionen haben um Asyl gebeten. Und die Zahl der Flüchtenden steigt täglich weiter, zum Beispiel seit dem Einmarsch türkischer Truppen in Nordsyrien Anfang Oktober. Nach Schätzungen der UN-Experten wurden allein in dieser Region ungefähr 200.000 Menschen vertrieben, überwiegend Frauen und Kinder.

Die Flüchtlingshelfer stehen vor einer fast unmöglichen Aufgabe. Die immer wieder aufflammenden Kämpfe und der nahende Winter machen es nicht nur gefährlich, sondern auch äußerst schwer, Zelte, Nahrung, Kleidung, medizinische und technische Hilfe in die Auffanglager zu bringen. Außerdem fehlt es an Geld. Rund 620 Millionen Dollar haben die Staaten dem UNHCR in diesem Jahr allein für seine Arbeit in Syrien versprochen. Doch bis zum 14. Oktober waren erst 157,3 Millionen in der Kasse eingegangen, gerade einmal ein Viertel des zugesagten Geldes.

Die Lage der Flüchtlinge in Nordsyrien ist auch deshalb prekär, weil ihnen der Weg in die Türkei weitgehend versperrt wird. Präsident Recep Tayyip Erdoğan hat an Teilen der Grenze zu Syrien einen streng bewachten Zaun errichten lassen. UNHCR-Chef Grandi sagt, dass die Türkei wenigstens immer mal wieder Verwundete und Frauen mit kleinen Kindern durchlasse.

Verständnis für die Lage der Türkei

Der Chef des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen, der mit allen Regierungen verhandeln muss, hält sich mit Tadel an Ankara zurück: "Bei aller Kritik sollte man nicht vergessen", sagt er, "dass die Türkei mittlerweile fast vier Millionen Flüchtlinge beherbergt, so viele wie kein anderes Land." Und auch wenn derzeit auf den griechischen Inseln wieder mehr Flüchtlinge stranden, befürchtet Grandi keine Wiederholung des Flüchtlingsherbsts 2015. "Es gibt bislang keine Anzeichen dafür, dass die Türkei den Flüchtlingspakt mit der EU nicht länger einhält", sagt er und verweist auf Statistiken, die bewiesen, dass die türkische Polizei in letzter Zeit eine ständig steigende Zahl von Flüchtlingen in ihren Küstengewässern abfange und zurück in die Türkei bringe.

Hingegen findet Grandi für Brüssel und für die Regierung in Athen, die wegen überfüllter Lager gerade wieder einmal Alarm schlägt, deutliche Worte: "Die Zahlen sind ziemlich übersichtlich und ließen sich durchaus managen – von Griechenland wie von der EU. Allerdings lässt die humanitäre Versorgung von Flüchtlingen auf den Inseln seit jeher zu wünschen übrig."

Natürlich verstehe er die Sorge einiger EU-Staaten, dass sich Flüchtlinge in Griechenland wie 2015 und 2016 wieder eigenmächtig auf den Weg nach Norden machen könnten. "Das ist nicht auszuschließen", sagt Grandi, "aber bitte verstehen Sie, als UN-Hochkommissar ist es meine vordringlichste Aufgabe zu verhindern, dass Flüchtlinge in überfüllten Lagern auf den griechischen Inseln unmenschlich leiden."