Der ehemalige Sprecher des britischen Unterhauses, John Bercow, hat den geplanten EU-Austritt seines Landes kritisiert. "Ich denke, dass der Brexit der größte außenpolitische Fehler in der Nachkriegszeit ist, und das ist meine ehrliche Meinung", sagte er. Der Brexit werde sich nicht positiv auf das internationale Ansehen Großbritanniens auswirken. Es ist das erste Mal, dass sich Bercow so deutlich äußert. Als Vorsitzender des Unterhauses war er zur Neutralität verpflichtet.

Bercow war durch die stundenlangen Parlamentsdebatten zum Brexit auch über die Insel hinaus berühmt geworden. Seine bunten Krawatten und theatralischen Ordnungsrufe trugen zur medialen Bekanntheit bei. Allerdings spielte er auch strategisch eine wichtige Rolle im Brexit-Prozess – zum Beispiel mit seiner Interpretation der Parlamentsregeln. So hatte er etwa zwischenzeitlich eine von der Regierung gewünschte erneute Abstimmung im Unterhaus über das Brexit-Abkommen blockiert. Der 56 Jahre alte Sohn eines Taxifahrers mit rumänischen Wurzeln war vor seiner Rolle als Sprecher einfacher Abgeordneter der Tories und zog 1997 ins Unterhaus ein. 2009 wurde er erstmals zum überparteilichen Sprecher gewählt.

"Ich bin nicht mehr der Speaker, ich muss nicht mehr unabhängig sein", sagte Bercow nun. Er betonte, dass er während seiner Amtszeit stets auch die Brexit-Befürworter fair behandelt habe. Er respektiere, dass der Premierminister versucht habe, eine Mehrheit für seinen Brexit-Deal zu bekommen.

Vor allem Brexit-Hardliner hatten Bercow vorgeworfen, sich parteiisch zu verhalten. Mehrmals setzte er sich über Konventionen hinweg, damit die Abgeordneten im Streit mit der Regierung die Oberhand behalten konnten. Bercow rechtfertigte das mit einem immer stärker autoritären Regierungsstil. Er hatte das Amt des Parlamentssprechers zehn Jahre inne. Am Montag wurde der Labour-Politiker Lindsay Hoyle zu seinem Nachfolger gewählt.