Wenn das Leben so wäre, wie Donald Trump es sich am Mittwoch wünschte, wäre es für sämtliche Verbrecher eine sagenhafte Sache. Kein Gangster könnte mehr überführt werden, Bestrafung wäre unmöglich. Das wäre, wenn man dem US-Präsident folgte, eine Frage der Logik: Wenn nämlich der Täter nach der Tat sagt, er habe nichts Unrechtes getan, gab es keine Tat. Unschuld erwiesen, Fall erledigt.

Donald Trump stand am Mittwochmittag auf dem Rasen des Weißen Hauses, hinter ihm der startbereite Hubschrauber Marine One, weshalb Trump richtig laut werden musste: "Fertig? Laufen eure Kameras?", brüllte er in Richtung Journalisten. Und dann: "Ich will nichts. Ich will nichts. Ich will kein Quidproquo." Er las das von einem Zettel ab, die Worte standen in schwarzen Großbuchstaben darauf. Trump zitierte jenes Telefongespräch, in dem er seinem EU-Botschafter Gordon Sondland eben dies versichert habe: Nein, nein, er habe keine Forderungen an den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj gehabt, nichts gewollt, folglich auch keine Ermittlungen der Ukraine gegen seinen politischen Rivalen Joe Biden und dessen Sohn Hunter.

Donald Trump - "I want nothing" US-Präsident Donald Trump sieht sich in der Ukraine-Affäre nach der Aussage des US-Botschafters entlastet. “Ich will gar nichts”, behauptete er, ihm gesagt zu haben. © Foto: Jacquelyn Martin/AP/dpa

Ein Unschuldsbeweis? Nein. Das war ja kein Auftrag für Sondland. Es war die Unschuldsbehauptung des mutmaßlichen Täters am Tag nach seiner Enttarnung. Und Trumps Gebrüll war darum nur eine weitere Pointe in einem politischen Schauspiel der seltensten Art.

Dieser Mittwoch wurde nämlich zu einem dieser Tage in Washington, an denen allen, die dort waren, klar war: Dies hier ist historisch, es kommt so ganz und gar anders als erwartet, es ist eine Sensation, ein Ereignis mit Wucht.

Botschafter Sondland, Republikaner und eigentlich ein Trump-Mann, der sich seinen Posten in Brüssel mit einer großzügigen Spende erkauft hatte, kam lächelnd und selbstbewusst in den Saal, blickte sich schmunzelnd um. Er war nicht nervös. Gordon Sondland schien das Spektakel zu mögen, zumindest zu Beginn. Und dann sagte er sechs spektakuläre Stunden lang aus. Ein perfekter Zeuge war er nicht: hier und dort vergesslich, sich korrigierend. Manchmal musste er zugeben, dass er nur Informationen interpretierte, aber nicht direkt eingeweiht worden war.

Der Kern seines Vortrags aber war eindeutig: Ja, Donald Trump hat die Militärhilfe an die Ukraine in Höhe von 391 Millionen Dollar gestoppt, um Selenskyj zu den Ermittlungen gegen die Bidens zu bringen. Ja, Trumps Privatanwalt Rudy Giuliani hat diese schmutzige Politik exekutiert und die Operation angeführt. Ja, "alle wussten es". Damit meinte Sondland Außenminister Mike Pompeo, Vizepräsident Mike Pence, den damaligen Sicherheitsberater John Bolton, Stabschef Mick Mulvaney und andere mehr. Ja, es gab ein Quidproquo, die Verknüpfung von Leistung und Gegenleistung. Und nein, es gab keine heimliche zweite Ukraine-Politik neben der offiziellen, denn all dies war ja Trumps Wunsch. Und im Washington dieser Tage wird immer das zur einzigen, zur offiziellen Politik, was Trump sich gerade wünscht. Darum, ja, alle hätten im Auftrag Trumps gehandelt. Und noch einmal, Sondland wiederholte es, "alle wussten das".

Trumps Partei viele Minuten lang verschreckt

Dass dies der eine Moment war, der in dieser Affäre das Spiel kippen kann, schienen alle zu ahnen, ganz still war es im Saal. Trumps Partei war verblüffend viele Minuten lang ganz verschreckt. Doch später versuchten die Republikaner die Version des Präsidenten über Twitter und diverse Interviews bei Fox News durchzudrücken: Sondland habe doch selbst ausgesagt, dass Trump ihm gesagt habe, er wolle nichts von Selenskyj. Und darum seien die Ermittlungen der Demokraten zum Amtsenthebungsverfahren eine Hexenjagd, eine Märchenstunde, vom Hass getrieben, wahnhaft. "Wenn dies ein Boxkampf wäre, würde er jetzt abgebrochen", das twitterte Trump.

So weit ist es in diesem Geheimdienstausschuss des Repräsentantenhauses gekommen: Der Fall ist eindeutig, das Vergehen belegt, und er ist sogar schnell erzählt, nicht besonders kompliziert. Jetzt aber geht es um Ablenkung und Deutung und – da es Washington ist: um Verdrehungen im Sinne der Taktik.

Der ganze Auftritt von Trump danach war nichts als Show und plumper Unfug: Er belegt gar nichts. Das Telefonat von Sondland und Trump fand nicht im Mai oder Juli statt, sondern erst am 9. September. Einen Tag zuvor jedoch war die Bombe hochgegangen, als "die Aussage des Whistleblowers" öffentlich geworden war, die die Ukraine-Affäre begründet. Seither ist in rasendem Tempo viel geschehen. Was aber wird von nun an geschehen?

Anklage noch bis Weihnachten möglich

Die Demokraten werden versuchen, die Herausgabe von Daten und Akten zu erzwingen; sie werden Pence, Pompeo und Co. vorladen, und denkbar ist, dass einige der Beteiligten aus dem Machtzentrum langsam an die möglichen juristischen Folgen ihrer Verweigerungshaltung denken. Dass es ein Impeachment durch das Repräsentantenhaus geben wird, ist nun gewiss; bis Weihnachten, so erzählen es manche Abgeordnete, soll die Anklage fertig sein.

Noch immer ist allerdings wahrscheinlich, dass die Republikaner ihren Kurs durchhalten, dass sie Trump mit ihrer Mehrheit im Senat schützen und davonkommen lassen werden. Der Preis dieser Treue, das Risiko, ist hoch: Leute wie der Republikaner Devin Nunes, die den Demokraten täglich "ihren Zirkus" vorwerfen, haben längst keine Argumentationslinien mehr zur Verfügung, nur Tiraden und die schlichte Leugnung dessen, was belegte Tatsache ist. Wie eigentlich will Nunes nach Trump wieder glaubwürdig werden?

Oder ringen sich die Republikaner nun dazu durch, Trump zu stürzen? Schon für die Wahl 2020 auf jemanden wie Ex-UN-Botschafterin Nikki Haley zu setzen und nicht erst in vier Jahren? Nein, ein Putsch gegen Trump wäre in hitzigen Zeiten wie diesen niemals diskret vorzubereiten, und das wissen alle in der Partei: Königsmörder werden selten zu neuen Königen. Und darum wird sich die Partei erst dann von Trump abwenden, wenn Umfragen einen Stimmungsumschwung in der Bevölkerung belegen: Trumps Wähler sind auch die Wähler der republikanischen Senatoren, und diese ändern ihren Kurs erst, sobald sie um das eigene Amt fürchten. Davon ist in den USA bislang nichts zu sehen.

Donald Trump - "Impeachment … deswegen?" Die Ukraine-Affäre könnte den US-Präsidenten das Amt kosten. Oder? Wie es zu dem Skandal kam und wie das Amtsenthebungsverfahren ablaufen würde, erklärt Rieke Havertz im Video.