Es dauerte offenbar einige Tage, bis Gordon Sondlands Erinnerungen zurück kamen. Mitte Oktober hatte der US-Botschafter bei der Europäischen Union vor dem Repräsentantenhaus noch ausgesagt, dass er nichts von einem Quidproquo ('Eine Hand wäscht die andere') um die Auszahlung von Militärhilfe in der Ukraine-Affäre wisse. In dem am Dienstag veröffentlichten Vernehmungsprotokoll der Impeachmentermittlungen finden sich nun drei erst am Vortag hinzugefügte Seiten mit Ergänzungen. Darin klingen Sondlands Äußerungen ganz anders, als in dem ursprünglichen Statement.

Demnach hatte der Botschafter einen maßgeblichen Anteil an der Schattendiplomatie, die Donald Trumps Anwalt Rudy Giuliani mit der ukrainischen Regierung unterhielt. Einem Mitarbeiter des Präsidenten – Andrej Jermak – habe Sondland am 1. September gesagt, dass die Militärhilfe, fast 400 Millionen Dollar, "vermutlich erst wieder aufgenommen wird, wenn die Ukraine die öffentliche Antikorruptionserklärung abgibt, über die wir seit Wochen geredet haben". Allerdings sei er sich erst später bewusst geworden, dass es bei den Ermittlungen um Joe Biden und dessen Sohn Hunter ging. Letzterer war von 2014 bis 2019 im Aufsichtsrat des in Korruptionsaffären verwickelten ukrainischen Energieunternehmens Burisma.

Trump beschuldigt Hunter Biden und seinen Vater der Korruption. Joe Biden gehört zu den aussichtsreichsten Bewerbern um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten bei der Wahl im November 2020, bei der Trump für die Republikaner zur Wiederwahl antritt. Trumps persönlicher Anwalt Rudy Giuliani soll an offiziellen Kanälen vorbei Gespräche mit der Ukraine geführt haben, um Ermittlungen gegen Biden anzustoßen.

Sondland bestätigt mit seiner ergänzten Aussage am Dienstag wesentliche Teile der Anschuldigungen der Impeachmentermittlungen gegen Donald Trump. Als Vertreter der US-Regierung hat der Diplomat der ukrainischen Regierung deutlich gemacht, dass die Auszahlung von Militärhilfe an Ermittlungen geknüpft ist. Sondlands Aussage hat auch deshalb so viel Gewicht, weil er als treuer Anhänger Trumps gilt und bisher außerhalb des Verdachts stand, dem Präsidenten schaden zu wollen.

Sondlands Angaben mögen für die Demokraten plausibel klingen, Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Zeugen gibt es dennoch – nicht nur wegen seiner Erinnerungslücken. Der Diplomat hatte eine Million Dollar für Donald Trumps Amtseinführung gespendet und versuchte mit seinem Engagement in der Ukraine offenbar, Trumps Wohlwollen zu gewinnen. In seiner Anhörung vor dem Kongress stellte Sondland sich dagegen als idealistischer Diplomat dar, dem Giulianis Engagement unangenehm war und von dessen Absichten er nichts gewusst haben will.

Ukraine-Affäre - US-Botschafter belastet Donald Trump mit neuer Aussage Die Aussage des US-Botschafters bei der EU setzt Donald Trump unter Druck. Demnach wurden US-Hilfen von Ermittlungen gegen Joe Biden und seinen Sohn abhängig gemacht. © Foto: Erin Scott/Reuters

"Erinnerungen aufgefrischt"

Allerdings war Sondland laut anderen Zeugen wie dem kommissarischen US-Botschafter in der Ukraine Bill Taylor und dem außenpolitischen Berater im Weißen Haus Tim Morrison maßgeblich daran beteiligt, die ukrainische Regierung auf Giulianis Forderungen einzustimmen. Erst nachdem Sondland die Aussagen der beiden anderen Zeugen gelesen hatte, die seine "Erinnerung aufgefrischt" hätten, ergänzte er sein Statement nun.

Besonders glaubwürdig wirkt das nicht. Sondland will über den Sommer auch nichts davon gewusst haben, dass es bei den Ermittlungen um Bidens Sohn Hunter und dessen Rolle im Aufsichtsrat von Burisma gehen solle. Das wirkt insofern zweifelhaft, als dass sowohl Trump als auch Giuliani schon im Mai Hunters Engagement in der Ukraine öffentlich thematisiert hatten. Ist es möglich, dass jemand, der sich so intensiv mit Politikern in der Ukraine austauschte, von der Biden-Burisma-Verbindung nichts mitbekommen hat?