In Bagdad sind bei neuen Protesten gegen die irakische Regierung mindestens vier Menschen getötet worden. Mehr als 50 weitere Menschen seien verletzt worden, teilten Polizei und Mediziner mit. Drei Menschen seien gestorben, als sie von Tränengasgranaten der Polizei am Kopf getroffen wurden. Die Polizei feuerte auch mit scharfer Munition und Gummigeschossen und versuchte so, Hunderte Demonstranten in der Nähe des Tahrir-Platzes zu vertreiben und in ihr Protestlager im Zentrum der irakischen Hauptstadt zurückzudrängen. Der Tahrir-Platz ist der Mittelpunkt der seit Anfang Oktober anhaltenden Proteste gegen die Regierung. Sie richten sich gegen Korruption, Misswirtschaft und die hohe Arbeitslosigkeit, gefordert wird nicht nur der Rücktritt der Regierung von Ministerpräsident Adel Abdel Mahdi, sondern eine grundlegende Reform des Systems.

Seit Beginn der Proteste Anfang Oktober wurden nach offiziellen Angaben bereits mehr als 330 Menschen getötet, die meisten von ihnen Demonstranten. Allein 20 Menschen starben nach UN-Angaben durch Tränengasgranaten, die von den Sicherheitskräften direkt auf die Demonstranten abgefeuert wurden. Die Granaten sind zehnmal schwerer als übliche Modelle und können bei direktem Aufprall den Schädel durchschlagen. In einem unlängst veröffentlichten Regierungsbericht wurde den Sicherheitskräften übermäßige Gewaltanwendung vorgeworfen, unter anderem weil Scharfschützen von Dächern aus mit scharfer Munition auf die Menge feuerten. Später setzten die Sicherheitskräfte zwar überwiegend Tränengas, Gummigeschosse und Blendgranaten ein. Zuletzt schossen sie aber wieder mit scharfer Munition.

Trotz der Gewalt dauern die Proteste an. Auch im Süden des Landes gingen die Menschen wieder auf die Straße, unter anderem in der Stadt Gharraf. In Al-Hilla, Diwanija, Kut und Nassirija blockierten Demonstranten auch an diesem Donnerstag wieder Schulen und Behörden. In der Pilgerstadt Nadschaf blieb erstmals ein wichtiger Markt neben dem Grabmal von Imam Ali geschlossen. "Wir sind bereit, einen Tag, einen Monat, selbst 20 Monate auf Einnahmen zu verzichten", sagte ein Händler. "Ohnehin verdienen wir seit 16 Jahren nichts."

Ministerpräsident Mahdi versucht, mit einigen Maßnahmen die Bevölkerung zu beruhigen. So sollen Arme Unterstützung erhalten und mehr Stellen für Hochschulabsolventen geschaffen werden. Die Forderungen nach einer Überarbeitung des politischen Systems des Landes und der Entmachtung der herrschenden Elite wurden bislang aber nicht erfüllt. Die UN-Sondergesandte für den Irak, Jeanine Hennis-Plasschaert, präsentierte vergangene Woche einen Plan zur Reform des Wahlsystems und der Verfassung. Die Vorschläge wurden auch von Großajatollah Ali al-Sistani gebilligt, der im Irak enormes Ansehen und Einfluss hat. Allerdings blieben die Aufrufe des schiitischen Geistlichen an die Sicherheitskräfte, Zurückhaltung zu üben und auf Gewalt zu verzichten, bisher ohne Folgen.