Der irakische Ministerpräsident Adel Abdel Mahdi hat nach den wochenlangen schweren Protesten mit vielen Toten im Land angekündigt, im Parlament seinen Rücktritt einzureichen. Damit wolle er verhindern, dass das Land in weitere Gewalt und Chaos abgleite, sagte Abdel Mahdi in einer vom staatlichen Fernsehen übertragenen Ansprache. Sollte das irakische Parlament das Rücktrittsgesuch des 77-jährigen Regierungschefs annehmen, steht das Land vor einer schwierigen Regierungsbildung. Der schiitische Politiker war erst vor etwas mehr als einem Jahr nach monatelangem Streit der stärksten Parteien ins Amt gewählt worden. Er galt als Kompromisskandidat, den sowohl das Nachbarland Iran als auch die USA akzeptieren konnten. Beide Länder besitzen im Irak starken Einfluss.

Zuvor hatte der einflussreiche schiitische Geistliche Ali al-Sistani das Parlament dazu aufgerufen, eine neue Regierung einzusetzen. Die Abgeordneten sollten "im Interesse des Irak handeln, um das Blut seiner Kinder zu bewahren und zu verhindern, dass er in Gewalt, Chaos und Zerstörung abgleitet", hatte er in seiner Freitagspredigt gefordert. Der 89-jährige schiitische Großajatollah Al-Sistani genießt großes Ansehen unter den Gläubigen im Irak und verfügt über erheblichen Einfluss auf die politischen Parteien des Landes.

Die Opposition aus den Anhängern von Ex-Regierungschef Haider al-Abadi und des schiitischen Predigers Moktada al-Sadr erklärte sich bereit, der Regierung das Vertrauen zu entziehen. Auch der Fatah-Block, der der politische Arm der proiranischen Hasched-al-Schaabi-Milizen ist, schien dem Appell von Al-Sistani zu folgen und erklärte seine Unterstützung für "die notwendigen Veränderungen im Interesse des Irak".

Von den Demonstranten wurde die Predigt Al-Sistanis als starkes Zeichen der Unterstützung gewertet. Der Aktivist Ali al-Sunbuli in Nadschaf sagte, das Gebet sei anders als sonst gewesen. Zum einen habe Al-Sistani mit dem traditionellen Gebet für die "Märtyrer" begonnen. Zum anderen habe er sich an das Parlament und nicht die Regierung gewandt. "Dies bedeutet, dass er ihre Legitimität nicht mehr anerkennt", sagte der Aktivist.

"Es lebe die Revolution"

Nach Abdel Mahdis Rücktrittsankündigung feierten und tanzten die Menschen auf dem Tahrir-Platz in der Hauptstadt Bagdad. Dazu riefen sie: "Es lebe die Revolution." Abdel Mahdis Abgang sei nur ein erster Schritt, sagte einer der Demonstranten. "Alle müssen weg." Die Demonstranten wollen den Rücktritt der gesamten Regierung, die Auflösung des Parlaments und ein neues politisches System. Das bisherige System war nach der US-Militärinvasion 2003 geschaffen worden. Es verteilt die Macht unter den großen politischen Blöcken, was als Hauptgrund für die grassierende Korruption gilt.

Der Irak erlebt seit Wochen die größte Protestbewegung seit dem Sturz von Machthaber Saddam Hussein im Jahr 2003. Bei den Protesten wurden seit Oktober knapp 400 Menschen getötet, mehr als 15.000 verletzt. Zuletzt hatte es allein am Donnerstag mehr als 40 Tote gegeben. Trotz Reformversprechen gelang es Abdel Mahdi nicht, die Lage zu beruhigen. Die Regierung verschärfte am Freitag die Sicherheitsmaßnahmen. In der Hauptstadt Bagdad und den Provinzen im Süden des Landes waren seit den Morgenstunden zusätzliche Sicherheitskräfte im Einsatz, wie Augenzeugen berichteten.

Die oberste Justizbehörde des Landes, der hohe Justizrat, ordnete derweil die Bildung einer Kommission aus drei Richtern an. Sie sollten eine "dringende Untersuchung" zum Tod der Demonstranten einleiten, meldete die staatliche Nachrichtenagentur INA. Menschenrechtsorganisation werfen den irakischen Streitkräften einen unverhältnismäßigen Einsatz von Gewalt gegen die Protestierenden vor.