2016, in der Nacht, in der vor allem weiße Arbeiter Donald Trump zum Wahlsieg verhalfen, begann Joan C. Williams über die "White Working Class" zu schreiben. Ein Jahr später erschien das gleichnamige Buch. Darin versucht die Rechtsprofessorin zu erklären, warum die Arbeiterklasse den Demokraten in Teilen den Rücken gekehrt hat. Williams lehrt an der University of California in San Francisco.

ZEIT ONLINE: Frau Williams, im politischen Washington ist das Impeachment-Verfahren das Thema Nummer Eins. Interessieren sich die ärmeren Wähler im Landesinneren genauso brennend für das Thema?

Joan Williams: Nein, aus Sicht der arbeitenden Landbevölkerung ist das Inside-the-Beltway-Nonsens – also ein Thema, dass nur das politische Washington und die dort ansässige Presse beschäftigt.

ZEIT ONLINE: Glaubt man Teilen der Medien und führenden Demokraten, geht es bei den Ermittlungen gegen den Präsidenten um die Zukunft der Demokratie. Warum ist die weiße Arbeiterklasse, zu der sie forschen, in weiten Teilen so desinteressiert an dem Thema?

Williams: Weil andere Themen wichtiger sind. Ein guter Job, ein funktionierendes Bildungssystem, die Zukunft der eigenen Familie. Das sind drängendere Fragen für Arbeiter. Die Ansichten zum Impeachment verlaufen entlang von Klassengrenzen. Akademiker befürworten das Amtsenthebungsverfahren tendenziell. In Umfragen sagen 39 Prozent der weißen Männer mit Uni-Abschluss, dass Trump aus dem Amt entfernt werden soll. Bei den Männern ohne höhere Bildung sind es dagegen nur 24 Prozent. In diesem Milieu ist Trump außerordentlich populär.

ZEIT ONLINE: Wie erklären Sie sich das?

Williams: Es ist ihm gelungen, die amerikanischen Arbeiter davon zu überzeugen, dass nur er sich für ihre Belange interessiert. Diese Menschen haben in den vergangenen 30 Jahren Jobs, Wohlstand und sozialen Prestige verloren. Trump gibt vor, ihnen all das zurückgeben zu können.

ZEIT ONLINE: Hat er mit seiner Analyse Recht?

Williams: Zum Teil. Der Aushöhlung der Mittelschicht hat in der Tat in beiden Parteien lange niemand etwas entgegengesetzt. Nur: Trump tut für diese Menschen auch nichts. Doch das interessiert seine Wähler nicht einmal. Sie haben ihn gewählt, weil sie das Gefühl hatten, dass niemand ihre Probleme wahrnimmt. Und damit haben sie Recht. Während man zum Beispiel in Deutschland darauf geachtet hat, gut bezahlte Arbeitsplätze in der Produktion zu erhalten und zu wertschätzen, haben wir das hier in den Vereinigten Staaten versäumt. Diese Jobs waren das Einzige, was das Leben der Menschen stabilisiert hat. Als die Industrie wegbrach wurden sie wütend, weil die Politik kaum darauf reagierte. Daraus resultiert der Hass auf die Eliten. Trump ist praktisch das einzige Ventil, über das sie ihren Frust über die Küsteneliten Luft machen können.

Weiße Arbeiter haben oft das Gefühl, dass schwarze Mitbürger, die überdurchschnittlich oft bedürftig sind, Sozialleistungen hintergeworfen werden, während sie selbst hart arbeiten müssen.
Joan Williams

ZEIT ONLINE: Und in dieser Gemengelage strengen die Demokraten nun ein Impeachment-Verfahren an. Auch in den Medien dominiert das Thema die Schlagzeilen.

Williams: Und das hilft Trump. Nun kann er natürlich so tun, als würden dieselben Eliten, die sich nie für die Probleme der Arbeiterschaft interessiert haben, ihn aus dem Amt jagen wollen. Dabei hilft ihm der Umstand, dass viele Demokraten ihn quasi vom ersten Tag an loswerden wollten. Das haben seine Anhänger natürlich mitbekommen. Und nun, da man ihn in der Ukraine-Affäre bei etwas wirklich Ungeheuerlichem erwischt hat, wird die Tragweite seines Vergehens vielen Menschen kaum deutlich, weil die Demokraten in der Vergangenheit sprichwörtlich zu oft nach dem Wolf gerufen haben.

ZEIT ONLINE: Ihr Buch wirkt wie eine Art Erklärungshilfe für gut gebildete Akademiker, die weiße Arbeiterschaft im Land zu verstehen. Was übersehen Menschen aus ihrem akademischen Umfeld, wenn es um Menschen außerhalb ihres Mikrokosmos geht?

Williams: Es geht um fundamental unterschiedliche Lebenssituationen. Gut betuchte Menschen leben oft an den Küsten. In ihren Jobs geht es um Kreativität, darum aufzufallen und Netzwerke zu bilden. Disruption und Andersartigkeit sind gewollt. Eher starren Institutionen wie Kirche, Familie oder dem Militär steht man kritisch gegenüber. Ein Arbeiterleben ist anders. Dort bieten eben diese Institutionen Stabilität. Und eine gewisse Stabilität ist wichtig, allein schon um mit der Arbeit fertig zu werden. Produktionsjobs sind zum Beispiel repetitiv. Man macht ständig das Gleiche. Es braucht eine ungeheure mentale Kraft, solche Arbeiten zu erledigen. In diesen Jobs geht es nicht darum aufzufallen, sondern seine Aufgabe gewissenhaft zu erledigen. Wer unangenehm auffällt wird entlassen. Und wer seinen Job verliert, kann sehr schnell obdachlos werden, weil es kaum soziale Sicherungsnetze in den USA gibt.

ZEIT ONLINE: Warum ist dann Sozialpolitik in den USA oft so unpopulär?

Williams: Im Gegensatz zu Deutschland sind die Sozialprogramme hier sehr stark auf die individuelle finanzielle Situation ausgerichtet. Wer arm ist, bekommt zum Beispiel die Krankenversicherung bezahlt. Wer etwas mehr verdient nicht. Und so haben weiße Arbeiter oft das Gefühl, dass zum Beispiel schwarzen Mitbürgern, die überdurchschnittlich oft bedürftig sind, Sozialleistungen hintergeworfen werden, während sie selbst hart arbeiten müssen. Ich möchte mich dieser Sichtweise ausdrücklich nicht anschließen – aber so denken diese Menschen eben.

ZEIT ONLINE: Sie schildern Animositäten gegenüber Minderheiten, denen es noch schlechter geht. Das klingt nicht besonders solidarisch.