Erst "hirntot", nun geprägt von einer "eklatanten Kluft" zwischen organisatorischen und inhaltlichen Fragen: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat die Nato erneut deutlich kritisiert. Wenige Tage vor dem Nato-Gipfel in London traf sich Macron mit Jens Stoltenberg, dem Generalsekretär des Verteidigungsbündnisses. Anschließend kritisierte er, es gebe innerhalb der Nato eine eklatante Kluft zwischen Finanzierungsdebatten und anderen wichtigen Fragen wie etwa dem Frieden in Europa oder der Beziehung zu Russland.

"Ich gehe davon aus, dass ich die Unklarheiten tatsächlich beseitigt habe, da ich es für unverantwortlich halte, angesichts der heutigen Probleme weiterhin über finanzielle und technische Probleme zu sprechen", sagte Macron. Er forderte die Nato zu einer gründlichen Debatte über ihre Zukunft auf. "Die Nato ist eine Organisation zur gemeinsamen Verteidigung. Gegen was, gegen wen verteidigt sie sich selbst?", fragte Macron in einer Pressekonferenz mit Generalsekretär Jens Stoltenberg. "Wer ist unser gemeinsamer Feind? Was sind unsere gemeinsamen Inhalte? Diese Frage verdient Klärung."

In einem Interview mit dem britischen Wirtschaftsmagazin The Economist hatte der französische Präsident Anfang November gesagt, das Verteidigungsbündnis sei "hirntot". Es gebe bei strategischen Entscheidungen keine Koordinierung zwischen den Nato-Ländern und den USA. Mit seiner ursprünglichen Kritik hatte Macron wiederum Kritik bei den Bündnispartnern ausgelöst. Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) hatte sich an diesem Donnerstag noch einmal deutlich von Macrons Äußerungen distanziert.

"Ein wirkliches Bündnis besteht aus Aktion, Entscheidungen, nicht aus Worten. Deswegen möchte ich, dass wir einen wirklichen Dialog unter Verbündeten haben", sagte Macron nach dem Treffen mit Stoltenberg. Zu den Fragen, die es zu diskutieren gelte, zählte Macron den Erhalt des Friedens in Europa, das Verhältnis zu Russland und die Rolle des Nato-Mitglieds Türkei. Der gemeinsame Feind sei weder Russland noch China, sondern das seien Terrorgruppen. Stoltenberg spielte den Streit innerhalb der Nato herunter und sagte, das Bündnis sei so wichtig wie eh und je. "In unsicheren Zeiten brauchen wir starke multinationale Institutionen wie die Nato", sagte er.

In der kommenden Woche treffen sich die Staats- und Regierungschefs der 29 Nato-Staaten zu einem Jubiläumsgipfel in London. Anlass ist das 70-jährige Bestehen des Bündnisses.