Wenn sich am Dienstag und Mittwoch dieser Woche die Mitglieder der Nato zu ihrem 70. Jubiläumsgipfel in London versammeln, werden sich alle angestrengt in großer Harmonie üben. Dabei könnten die Missklänge im westlichen Verteidigungsbündnis kaum größer sein. Wohin man auch hört – nur Unstimmigkeiten.

US-Präsident Donald Trump stellt die Nato schon seit geraumer Zeit infrage und droht auch schon mal mit dem Austritt der USA. Das Kernverständnis des Bündnisses, dass alle – von A wie Albanien bis V wie Vereinigte Staaten von Amerika – unverzüglich zu Hilfe eilen, wenn eines der 29 Mitglieder angegriffen wird, scheint keine Selbstverständlichkeit mehr.

Weitere schwerwiegende Probleme: Ohne die Bündnispartner vorher zu konsultieren, arrangierte sich das Nato-Mitglied Türkei ausgerechnet mit dem Nato-Gegner Russland und marschierte in Nordsyrien ein. Ebenso über den Kopf der Verbündeten hinweg bot Frankreichs Präsident Emmanuel Macron dem russischen Staatsoberhaupt Wladimir Putin soeben an, dessen Vorschlag eines Moratoriums für landgestützte Mittelstreckenraketen von der Nato prüfen zu lassen.

Uneinig sind sich die Nato-Mitglieder außerdem über den Umgang mit einer anderen aufstrebenden gegnerischen Supermacht, der Volksrepublik China. Eine Handvoll europäischer Staaten wünscht sich nicht nur eine stärkere wirtschaftliche Verknüpfung mit China, sondern auch eine engere militärische Kooperation.

Macron hat natürlich recht mit seiner Beobachtung, dass die Welt wieder unsicherer geworden ist. Und dass man, um eine neue bewaffnete Auseinandersetzung zu vermeiden, darum jeden sich bietenden Gesprächsfaden aufgreifen muss – mit der Führung in Moskau ebenso wie mit jener in Peking.

Russland ist eine Militär- und Energiemacht. China ist tief in die Weltwirtschaft integriert, ist ihr Motor und wird ökonomisch bald die Nummer eins sein. Viele globale Probleme wie etwa der Klimawandel lassen sich nur gemeinsam mit diesen beiden Staaten lösen. Es wäre darum naiv zu glauben, man könnte ihnen gegenüber einfach auf Konfrontation schalten.

Kooperation ja, Anbiederung nein

Doch zwischen Gesprächsoffenheit, partieller Kooperation und Anbiederung, gar Unterwerfung besteht ein himmelhoher Unterschied. Die notwendige, gar zwingende Bereitschaft zum Dialog darf nicht die fundamentale Systemkonkurrenz und Wertedifferenz zwischen dem liberalen Westen auf der einen und den autoritären Regimen auf der anderen Seite verschleiern.

Das gilt umso mehr, da sowohl China als auch Russland bei jeder sich passenden Gelegenheit ziemlich brachial ihren Führungsanspruch demonstrieren und überall dort in das Machtvakuum springen, das der Westen und vor allem die westliche Führungsmacht USA durch ihren Rückzug hinterlassen.

Nach sieben Jahrzehnten Nato scheint das westliche Verteidigungsbündnis jedenfalls vergessen zu haben, aus welchem Grund es am 4. April 1949 von den USA, Frankreich, Großbritannien und neun weiteren westlichen Staaten aus der Taufe gehoben wurde.

Schon deshalb soll darum zum Geburtstag noch einmal an die in der Präambel des Nato-Vertrags festgeschriebenen Grundsätze erinnert werden: "Die vertragschließenden Staaten", heißt es da, "bestätigen ihren Glauben an die Ziele und Prinzipien der Charta der Vereinten Nationen und ihren Wunsch, mit allen Völkern und mit allen Regierungen in Frieden zu leben. Sie sind entschlossen, die Freiheit, das gemeinsame Kulturerbe ihrer Völker, gegründet auf die Prinzipien der Demokratie, auf die Freiheit des einzelnen und die Grundsätze des Rechts, sicherzustellen. Sie sind bestrebt, die Stabilität und Wohlfahrt im nordatlantischen Gebiet zu fördern. Sie sind entschlossen, ihre Bemühungen um eine gemeinsame Verteidigung und um die Erhaltung von Frieden und Sicherheit zu vereinigen. Daher sind sie übereingekommen, diesen Nordatlantikpakt zu schließen."

Das heißt, die Nato wurde nach dem Grauen Nazideutschlands und des Zweiten Weltkriegs mit dem Ziel gegründet, jene liberalen Werte zu verteidigen, die fortan den sogenannten Westen ausmachen und definieren sollten: Demokratie, individuelle Freiheit, Rechtsstaat und Freihandel.