Seit dem Einmarsch der türkischen Truppen hat sich die Lage im Nordosten Syriens dramatisch verändert. In Städten und Dörfern der Region kämpfen türkische und kurdische Truppen um die Kontrolle, an manchen Orten rücken Soldaten des syrischen Machthabers Baschar al-Assad und seine russischen Verbündeten vor. Zivilisten, Ärzte und Helfer geraten unter Beschuss. Hunderttausende Menschen sind vor den Kämpfen auf der Flucht. Unsere Reporterin Andrea Backhaus ist in Nordsyrien.

Hamid Ali Xalil ist wütend. "Wir wollen unter kurdischer Kontrolle bleiben", sagt er mit kräftiger Stimme. "Tausende kurdische Kämpfer sind in den letzten Jahren gestorben, um unsere Heimat Rojava zu verteidigen", sagt er. Rojava ist der kurdische Name für ihre Siedlungsgebiete im Nordosten Syriens. Auch drei Mitglieder seiner Familie seien gestorben. "Es kann doch nicht sein, dass wir das alles jetzt verlieren." Der 55-jährige Kurde lebt derzeit in der Saad bin Waqas Schule in Hassaka, der Hauptstadt der gleichnamigen Provinz im Nordosten Syriens. Er wirkt, als könne er das alles noch immer nicht glauben.

Gleich am ersten Tag der türkischen Offensive ist Xalil mit seinen beiden Frauen und seinen Kindern und Enkeln aus der Stadt Ras al-Ain geflohen, die an der syrisch-türkischen Grenze liegt. Als die Luftschläge seine Nachbarschaft erreichten und der Sohn seines Cousins bei einem Bombenanschlag starb, wusste er: Er darf keine Zeit verlieren. So erzählt er es jetzt. Er habe alles zurücklassen müssen, sein Haus, seine Arbeit, seine wenigen Besitztümer. "Warum greifen sie uns Zivilisten an?", fragt Xalil und schüttelt den Kopf.

Lehrer und Schulkinder wurden nach Hause geschickt

Rund 300.000 Menschen sind nach kurdischen Angaben vor den Luftangriffen und Kämpfen zwischen den türkischen Truppen und den kurdischen Kräften bisher geflohen. In dem rund 100 Kilometer langen Grenzstreifen zwischen den Städten Ras al-Ain und Tall Abjad, der jetzt offiziell unter türkischer Kontrolle steht, gibt es immer wieder Gefechte. Zudem sind die türkischen Truppen und Milizen bis in die Dörfer vor Tell Tamer vorgerückt, auch wenn das Gebiet nicht in die sogenannte Sicherheitszone fällt, die der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan mit Russlands Präsident Wladimir Putin vereinbart hatte. 

Mehr als 100.000 Menschen sind allein nach Hassaka geflohen, weil die Stadt als sicher gilt. Sie liegt 20 Kilometer von der Front entfernt. Viele der geflohenen Zivilisten sind wie Hamid Ali Xalil in einer der 68 Schulen in der Gegend untergebracht worden. Helfer haben Schreibpulte, Tische und Regale aus den Klassenzimmern geräumt, um für die Familien Platz zu schaffen, Lehrer und Schulkinder wurden nach Hause geschickt.

In der Saad bin Waqas Schule, einer Grundschule, leben derzeit 128 Frauen, Männer und Kinder, die meisten kommen wie Xalil aus Ras al-Ain. Die kurdische Verwaltung hat nun aber entschieden, dass die Geflohenen in den kommenden zwei Wochen die Schulen wieder verlassen müssen, damit die Kinder wieder Unterricht bekommen. Was aus den Familien wird, die oft nicht mehr dabeihaben als die Kleidung, die sie bei der Flucht getragen haben, ist unklar. Viele haben nicht genug Geld, um sich in Hassaka eine Wohnung zu mieten und nicht jeder hat Verwandte in Orten, die nicht umkämpft sind. An eine Rückkehr ist ohnehin nicht zu denken.

Hamid Ali Xalil ist mit seinen zwei Frauen und Kindern aus Ras al-Ain geflohen. Sie sind in der Saad bin Waqas Schule untergebracht. © Andrea Backhaus für ZEIT ONLINE

Man habe ihm erzählt, dass in seinem Haus nun die Milizen wohnten, die für die Türkei kämpfen, erzählt Hamid Ali Xalil. Und diese islamistischen Milizen, sagt Xalil, seien die schlimmsten, sie führten sich auf wie Terroristen. "Sie wollen uns Kurden umbringen." In eines der Lager, die rund um Hassaka für die vielen Vertriebenen hektisch errichtet worden sind, will Xalil auf keinen Fall. "Ich schlafe lieber auf der Straße, als in so einem unmenschlichen Lager zu leben", sagt er. Die USA hätten die Kurden fallen gelassen und scherten sich nur um das Öl, sagt Xalil. Und die Europäer sagten immer nur, es täte ihnen leid, aber tun würden sie nichts. "Sie hätten die Türken aufhalten müssen."