Wäre die Nato tatsächlich "hirntot", würde Polen einem Ende der künstlichen Beatmung trotzdem nicht zustimmen: Auf diese Formel lassen sich die polnischen Reaktionen auf das weltweit beachtete Interview des französischen Präsidenten Emmanuel Macron im Economist herunterbrechen, in dem dieser das westliche Militärbündnis für unrettbar erklärt hatte. Für hirntot eben. Deshalb, so folgerte Macron, müsse sich die EU endlich selbst um ihre Verteidigungsfähigkeit kümmern. Polens Ministerpräsident Mateusz Morawiecki dagegen sagte der Financial Times: "Die Nato ist und bleibt das wichtigste Bündnis der Welt, das Freiheit und Frieden bewahren hilft."

Keine Frage: Macrons Worte haben in Warschau blankes Entsetzen ausgelöst. Nur so ist zu erklären, dass sich Morawiecki mitten im Prozess der polnischen Regierungsbildung überhaupt zu einer Art Gegeninterview entschied, in dem er dann nicht etwa Donald Trump oder den türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdoğan als Problempräsidenten in der Nato darstellte. Vielmehr attackierte er Macron: "Die von ihm geäußerten Zweifel könnten andere Bündnispartner zu Überlegungen veranlassen, ob Frankreich den Erhalt der Nato überhaupt noch für wichtig hält."

Er hoffe sehr, fügte Morawiecki hinzu, dass man weiter auf die Pariser Bündnistreue zählen könne. Im Übrigen seien die Schwierigkeiten der Nato keineswegs von Trump verursacht worden, sondern vom mangelnden Engagement einiger europäischer Partner. Einmal mehr wies Morawiecki auf ein Problem der Nato hin, das für Deutschland besonders gilt: "Viele Nato-Staaten halten ihre Selbstverpflichtung nicht ein, zwei Prozent des Bruttoinlandsproduktes für Verteidigung auszugeben." Die Bundesregierung will bis 2024 einen Wert von 1,5 Prozent des BIP erreichen. Polen dagegen liegt bereits über der Zwei-Prozent-Marke und strebt bis 2030 rund 2,5 Prozent an.  

Polen sieht sich von Russland bedroht

Aber die Zahlen sind nur das eine. Das andere ist die historische Dimension, die in Polen deutlich präsenter ist als in Deutschland. Auch Morawiecki berief sich bei seinem Macron-Konter auf die Geschichte: "Die Vereinigten Staaten haben Europa immer unterstützt. Ohne die Hilfe der USA hätte sich Europa nicht von der Nazi-Herrschaft befreien können." Heute wiederum habe man es mit einem "enorm aggressiven Russland" zu tun. Darüber herrscht in der polnischen Politik weitgehend Konsens. Präsident Andrzej Duda erklärte am Montag in seiner Ansprache zum polnischen Unabhängigkeitstag: "Russland zeigt erneut sein imperiales Antlitz, und wir wollen nicht in die Moskauer Einflusssphäre geraten."

Die Nato oder der Tod: So ließe sich die strategische Sicht in Warschau, in Anspielung auf ein geflügeltes Wort der polnischen Politik, knapp zusammenfassen. Und diese Grundhaltung ist keineswegs eine Erfindung der nationalkonservativen PiS, die seit 2015 regiert. Vielmehr hat die Einbindung in die westliche Verteidigungsgemeinschaft seit dem Ende des Kalten Krieges höchste Priorität in der polnischen Staatsräson. Es war auch kein Zufall, dass Polen der Nato schon 1999 beitrat und damit fünf Jahre vor der Osterweiterung der EU. Gegner der Militärallianz gab und gibt es im Land kaum. 

Wie weit die Bündnistreue zur Nato und die Ergebenheit gegenüber den USA in Polen gehen, ließ sich im vergangenen Sommer beobachten. Im Juni reiste Präsident Duda nach Washington, um dort für die Errichtung einer ständigen US-Militärbasis an der Weichsel zu werben. Das untersagt zwar die Nato-Russland-Grundakte von 1997. Nach dem offenen russischen Völkerrechtsbruch bei der Annexion der Krim jedoch hoffte man in Warschau auf ein Umdenken in Washington. Duda ging sogar so weit, seinen Gastgeber mit dem Plan zu locken, eine mögliche neue US-Basis Fort Trump zu nennen.

Doch alle Schmeicheleien waren vergebens. Trump lehnte Dudas Angebot nicht nur ab. Wenige Wochen später stornierte er wegen eines nahenden Hurrikans kurzerhand einen lange geplanten Besuch in Warschau. Stattdessen reiste US-Vize Mike Pence zum Weltkriegsgedenken nach Polen, hielt eine staatstragende Rede und versprach einmal mehr die Entsendung weiterer 1.000 US-Soldaten, allerdings im Rotationsverfahren ohne die gewünschte feste Stationierung. Im Zuge der Krim-Krise hatte das US-Militär bereits 4.000 Marines nach Polen verlegt, die aber immer wieder wechseln, um die Russland-Grundakte zumindest formal einzuhalten.