Erdi Erözbek ist zynisch geworden, und man kann ihn ein wenig verstehen. Der Kellner – Anfang 30, Pferdeschwanz, Tattoo am rechten Arm – sitzt in einer menschenleeren Shisha-Bar am Tisch, trinkt eine Limonade und spielt mit dem Flaschendeckel herum. Die Frage zur Begrüßung, ob er hier arbeite, beantwortet er mit einem müden Lächeln. "Ja, aber wahrscheinlich nicht mehr lange."

Das Dirilis, wo sich Erözbek die Zeit mit dem Flaschendeckel vertreibt, ist eine Shisha-Bar in der migrantisch geprägten Gegend zwischen dem 15. und 16. Wiener Bezirk. In den drei Jahren seit der Eröffnung war das Lokal meistens gut gefüllt. Junge Menschen saßen in Gruppen um die Wasserpfeifen herum und tranken Tee. In der Nacht auf vergangenen Donnerstag waren die Mitarbeiter gezwungen, um Punkt Mitternacht die Aschenbecher wegzustellen und die Pfeifen zu löschen. Das Lokal leerte sich und blieb es seitdem auch. 

Seit vergangenem Donnerstag, dem 1. November, gilt in Österreichs Gastronomie ein absolutes  Rauchverbot. Nach dem Bruch der schwarz-blauen Koalition wurde es im Juli mit den Stimmen von allen Parteien außer der FPÖ beschlossen. Damit ist auch in "Europas Aschenbecher", wie englischsprachige Medien Österreich zuletzt nannten, Schluss mit dem Rauchen in geschlossenen Räumen.

Vor allem Wiens Gastronomen bereitet das Sorgen. Die Anwohner der österreichischen Hauptstadt gelten als notorisch lärmempfindlich, große Gruppen von Rauchern vor dem Lokal können da schnell Probleme bereiten und für Polizeibesuche sorgen. Aber zunächst machten die pragmatischen Wiener aus der Not eine Tugend: In vielen Lokalen wurde die "letzte Tschick", wie Zigaretten in Österreich genannt werden, in der Nacht auf den 1. November ausgiebig gefeiert. Wie geduldet Rauchergruppen auf dem Gehsteig künftig sein werden, werden die nächsten Monate zeigen.

Es hängen Kredite und Existenzen an den Lokalen

Für die Betreiber von Shisha-Bars ist das Verbot allerdings eine Katastrophe. In Österreich gibt es ungefähr 500 davon, etwa die Hälfte sind in Wien. Anders als in Restaurants oder Bars kommt ihr Klientel nicht, um neben dem Bier eine zu rauchen. Der Konsum der Tabakpfeife ist hier das Geschäftsmodell. Als würde man dem Wiener Kaffeehaus den Kaffee wegnehmen.

Es ist, als würde eine ganze Branche von einem Tag zum nächsten ausgelöscht. "500 Lokale, komplett leer", sagt Erdi Erözbek. Er zieht sein Handy hervor, zeigt Fotos aus einer WhatsApp-Gruppe, in der sich die Mitarbeiter von Shisha-Bars organisieren. Er wischt von einem Foto von leeren Tischen zum nächsten. Unter den Betreibern der Lokale ist die Verzweiflung groß. Es hängen Kredite und Existenzen an den Lokalen. Mindestens 7.000 Beschäftige arbeiten laut Wirtschaftskammer in Österreich in Shisha-Bars, der Verband der Shisha-Bar Betreiber Österreich (VSBÖ) spricht sogar von bis zu 10.000 Mitarbeitern.

Hört man sich in den Wiener Shisha-Bars um, erzählen die Besitzer und Mitarbeiter meist ähnliche Geschichten. Die von Oguz Erözbek, dem Betreiber des Dirilis und Erdi Erözbeks Chef und Cousin, steht stellvertretend für viele. Der Wiener übernahm den Laden mit 22 Jahren, steckte mithilfe der Familie insgesamt 70.000 Euro hinein. Den meisten Betreibern, die er kenne, gehe es ähnlich. "Die Leute haben laufende Kredite, unsere Existenzen hängen daran", sagt Erözbek. Die Umsätze seien bei allen um mindestens 50 Prozent eingebrochen. Viele stehen vor dem Nichts, einen Plan B haben die wenigsten.

Die Shisha-Bars waren ein logisches Investitionsfeld für ein Milieu, dass zur Selbstständigkeit neigt: In Österreich hat jeder dritte Gründer Migrationshintergrund, in Wien sind es fast 40 Prozent. Sie schaffen damit Jobs in ihrer Community. Shisha-Bars sind nicht nur normale Lokale, sondern auch Soziotope. Das ist die eine Wahrheit.