"Um zu verstehen, was wirklich geschieht in diesem Land, musst du an den Stadtrand fahren", sagt Javier Pérez Andújar vor dem Treffen. Der Stadtrand, das ist für den Schriftsteller die Kommune Sant Adrià del Besòs im Nordwesten von Barcelona. Dort wurde Pérez Andújar 1965 geboren.

Seine Heimat gehört zu jenem Teil Spaniens, das fast nie in den Medien, dafür aber regelmäßig in der Statistik auftaucht, meistens dann, wenn es um Arbeitslosigkeit, Schulabbrecher und Kriminalität geht. In seinen Romanen hat Andújar den Alltag in der Peripherie beschrieben, die endlosen Fahrten mit dem Vorstadtbus und die Arbeiterstreiks in den Siebziger- und Achtzigerjahre, die für Arbeitsmigranten und -migrantinnen aus Südspanien gebauten 50-Quadratmeter-Wohnungen, in denen sich bis heute Familien mit sechs Mitgliedern drängen. Andújar hat nie ein Hehl aus seiner Herkunft gemacht. Im Gegenteil: Daraus bezieht er seine politische Haltung. Dennoch würde er nie so weit gehen, im Wahlkampf eine Partei offen zu unterstützen. Das macht ihn in Spanien zu einer Ausnahme. 

Am Sonntag wird in Spanien gewählt, zum vierten Mal in vier Jahren. Die letzte Wahl liegt gerade ein halbes Jahr zurück. Damals wurde die sozialdemokratische PSOE stärkste Fraktion. Doch dem amtierenden Premier Pedro Sánchez gelang es nicht, eine Mehrheit für seine Wiederwahl zu organisieren. Politikwissenschaftlerinnen haben seitdem den Reformstau und die fehlende Kompromissbereitschaft der politischen Klasse kritisiert, doch erklären konnten sie den Stillstand nicht. Vielleicht hilft da der Blick aus der Distanz, von einem, der die Nähe zu politischen Parteien ebenso meidet wie die Sektempfänge von Barcelonas Kulturszene, einem wie Andújar: 54 Jahre, hellblaue Augen und kurze graue Locken.

Die Buslinie H10 braucht eine knappe halbe Stunde vom Zentrum bis nach Sant Adrià del Besòs. Vor den Scheiben zieht das großbürgerliche Viertel Eixample vorbei: Die breiten Straßen sind schachbrettartig angeordnet, vor den Balkonen der Modernisme-Bauten hängen Estelades, die sternverzierten Embleme der Unabhängigkeitsbewegung – und gelbe Schleifen, das Zeichen der Solidarität mit den Politikern und Aktivisten, die wegen des verbotenen Referendums vom Oktober 2017 im Gefängnis sitzen oder das Land verlassen haben. Vor der Sagrada Familia stauen sich die Reisegruppen. Dann verliert die Stadt ihren touristischen Schauwert.

Zehngeschössige Wohnblocks stehen dicht an dicht. Am Horizont ragen die drei riesigen Schlote eines stillgelegten Wärmekraftwerks auf. Die Symbole der Separatisten sucht man hier vergebens. In San Adrián, wie die Bewohnerinnen ihr Viertel nennen, spricht man überwiegend Spanisch. Viele Familien stammen aus Südspanien und kamen in den Sechziger-, Siebzigerjahren auf der Suche nach Arbeit ins prosperierende Katalonien. Das Viertel geht nahtlos in die 200.000-Einwohner-Stadt Badalona über. 

Als Andújar aufwuchs, ließ Diktator Franco dort, im Viertel San Roque, riesige Wohnsilos aus Klinker und Stahlbeton hochziehen: billiger Wohnraum für die Gitanos, die spanischen Roma, die bis dahin in Baracken am Stadtstrand gewohnt hatten. Kurz nach dem Erstbezug begannen die ersten Gebäude zu bröckeln.  

Soziale Themen kommen im Wahlkampf nicht vor

Bis heute hat sich daran nichts geändert. Immer wieder müssen Bewohner aus den Blöcken in Sicherheit gebracht werden, weil die Substanz zerfressen ist. In manchen Fassaden sind meterbreite Löcher. Die Fensterscheiben sind zerbrochen, Briefkästen herausgerissen, der Wind treibt zerknüllte Wahlpropaganda und ein paar Feuchttücher über den Asphalt. Über einem Hauseingang hängt ein vergilbtes Schild mit der Aufschrift "Die Regionalregierung verschönert das Viertel". "Das ist doch ein Hohn", sagt Andújar, "in Wahrheit kümmert dieses Elend niemanden."

So extrem wie in den Wohnsilos von San Roque ist das Elend in Spanien nicht überall, doch die Armut zeigt sich in vielen Bereichen der Gesellschaft. Wer als Einzelperson mit weniger als 8.871 Euro oder als Vierpersonenhaushalt mit weniger als 18.620 Euro im Jahr auskommen muss, gilt statistisch als arm. Jeder fünfte Spanier ist von Armut bedroht. Nach der schweren Krise wächst die Wirtschaft seit 2014 zwar wieder. Doch die Armutszahlen sind nur um ein paar Stellen hinter dem Komma zurückgegangen. Die Arbeitslosigkeit liegt bei knapp 14 Prozent, EU-weit ist sie nur in Griechenland höher.

Doch im Wahlkampf spielen soziale Themen kaum eine Rolle. Dabei wäre das dringend notwendig. Wer hier aufwachse, sagt Andújar, nehme qua Geburt nicht am öffentlichen Leben teil. "Kein Wunder, dass sich hier viele weigern, wählen zu gehen." Er auch. Andújar kickt ein zerknülltes Papier beiseite. Er selbst bezeichnet sich als links promisk. Er hat in der Vergangenheit unterschiedliche Parteien aus dem linken Spektrum gewählt, immer in der Hoffnung, dass sich vielleicht mal etwas ändert. Am kommenden Sonntag wird er nicht wählen gehen. Aus Enttäuschung und aus Frust, wie er sagt.

Im April hatte es einen klaren Auftrag für ein linkes Bündnis gegeben, die sozialdemokratische PSOE und die linksalternative Podemos kamen auf 158 von 350 Sitzen und hätten es mit Enthaltung der regionalen Parteien an die Macht schaffen können. Doch die Koalitionsverhandlungen scheiterten, bevor sie richtig begonnen hatten. Nach monatelangem Stillstand setzte der König Neuwahlen an.

"Wer im Casino alles Geld verzockt, bekommt irgendwann eben kein Geld mehr von der Bank", sagt Andújar. Vor sechs Monaten lag die Wahlbeteiligung mit knapp 72 Prozent noch so hoch wie seit 2008 nicht mehr. Die PSOE hatte damals erfolgreich mit dem Schreckgespenst eines rechten Dreierbündnisses aus konservativer Volkspartei, rechtsliberalen Ciudadanos und rechtsextremer Vox die Wähler mobilisiert. Diesmal könnten laut Umfragen 2,5 Millionen Spanierinnen und Spanier zu Hause bleiben.