Für Labour-Anhänger war es die bislang ungemütlichste halbe Stunde des Wahlkampfs. Als sich der konservative BBC-Journalist Andrew Neil am Dienstagabend Jeremy Corbyn vorknüpfte, stellte er erneut unter Beweis, weshalb er als gefürchtetster Interviewer des Landes gilt: Mit seinem aggressiven und einschüchternden Stil drängte er den Parteichef wiederholt in die Ecke, mancher Corbyn-Fan wird den Austausch mit schmerzverzerrtem Gesicht verfolgt haben. Konservative Kommentatoren ergingen sich zunächst in Schadenfreude, aber bald stellte sich Sorge dazu: Irgendwann müsste sich auch Boris Johnson einem solchen verbalen Trommelfeuer stellen, denn die Neil-Interviews sind für alle Parteichefs geplant.

Aber dann ließ die BBC gestern verlauten, dass man vorerst noch im Gespräch mit Johnsons Leuten sei, einen Termin für das Interview habe man noch nicht gefunden. Das zeugt einerseits von mangelnder Rücksicht auf Ausgewogenheit seitens der Rundfunkorganisation, und andererseits ist es ein weiteres Indiz für die Mutlosigkeit des Premierministers in diesem Wahlkampf: Er hat Drückebergerei zu seiner Taktik gemacht.

Eigentlich sollte man Boris Johnson dieser Tage in voller Blüte erleben. So hatten es viele Konservative vor der Wahlkampagne vorausgesagt: Der Parteichef, umgänglich, sympathisch und stets amüsant, würde wie ein politischer Superstar durchs Land ziehen und überall frenetisch empfangen werden – der charismatische Blondschopf galt mitunter als einer der wichtigsten Gründe, warum die Tories am 12. Dezember einen Triumph erwarten könnten.

Aber gut vier Wochen nach Beginn der Kampagne ist der sonst so lautstarke Premierminister eher still geworden, um nicht zu sagen: schüchtern. Von einer geplanten TV-Debatte zum Klimawandel hat er sich zurückgezogen, und zum traditionellen husting in seinem Wahlkreis, bei dem sich alle Kandidaten den Fragen ihrer Wählerinnen und Wähler stellen sollen, will er auch nicht antreten. Wer dieser Tage bei der Pressestelle der Tories anruft und um Auskunft über Veranstaltungen mit Johnson bittet, kann sich auf eine E-Mail-Liste setzen lassen und dann vergeblich auf eine Nachricht warten.

Ist Johnson glaubwürdig?

Dass die Tories vorsichtig geworden sind, ist nachvollziehbar: Johnson macht einfach keine gute Figur, wenn er unter die Leute geht. Als er einem Krankenhaus in Cambridge einen Besuch abstattete, sah man ihn, wie er dem Gebäude unter lauten Buhrufen entschwand; bei einer Visite in den Überschwemmungsgebieten in Nordengland war der Empfang der Einwohner ausgesprochen kühl; und als er nach dem Großbrand in einem Studentenheim die Universität Bolton besuchte, fauchte ihn ein Mann mit unverhohlener Antipathie an: "Sprechen Sie nicht mit uns, gehen Sie hier raus."

Sorgfältig inszenierte Events mögen ohne Patzer über die Bühne gehen, etwa als sich der Regierungschef am Montag mit einem Bullen fotografieren ließ. Aber spontane Auftritte laufen selten glatt ab. Auch in der TV-Fragestunde am vergangenen Freitag kam Johnson stärker unter Druck als Oppositionschef Jeremy Corbyn: Immer wieder provozierten seine Ausführungen das ungläubige Gelächter des Publikums – obwohl Johnson laut Umfragen weiterhin deutlich beliebter ist als sein Rivale. Besonders die Frage, inwiefern der Premierminister ein glaubwürdiger Politiker ist – beziehungsweise die verbreitete Ansicht, dass er es eben gerade nicht sei – schafft ihm Probleme.

So ist das konservative Wahlkampfteam offensichtlich zur Einsicht gekommen, dass der Premierminister so gut wie möglich von den Wählerinnen und Wählern abgeschirmt werden muss, damit keine ärgeren Fehltritte passieren können, die den Tories ihren Vorteil in den Wahlumfragen kosten würde. 

Dazu passt auch das Wahlprogramm, das Johnson am Sonntag vorstellte. Es enthielt keine auffälligen Ankündigungen, und nebst vorsichtigen Versprechungen zu einem restriktiveren Immigrationssystem und mehr Geld für Krankenpfleger, Häuserbau und Polizei, war es karg an Details.