Eine Folge dieser Zeit war, dass 2016 der Hardliner Chen Quanguo Parteichef von Xinjiang wurde. Chen war vorher in Tibet, einem anderen Unruhegebiet Chinas, und ließ in der lokalen Parteiführung Xinjiangs verkünden, dass man sich jetzt Xis Zielen für Xinjiang verpflichten würde. Mit seinem Amtsantritt nahm die Zahl der Lager und Inhaftierungen von Uiguren und Kasachen rapide zu. Ehemalige Häftlinge sagen, es gebe keine Gerichtsverfahren, dazu wurden Berichte von Folter, Misshandlungen und Gehirnwäsche bekannt. Außerdem wurden in den Ortschaften Xinjiangs seit 2016 zahlreiche Überwachungskameras installiert.

Der deutsche Wissenschaftler und Xinjiang-Experte Adrian Zenz konnte nachweisen, dass chinesische Behörden systematisch Kinder von Muslimen von ihren Eltern trennen. Die Kinder landen in geschlossenen Internaten. Die New York Times berichtet dazu aus den Dokumenten, wie die lokalen Behörden ihre Kommunikation mit Studenten handhaben sollen, die in chinesischen Städten außerhalb Xinjiangs studieren und in ihre Elternhäuser zurückkehren. Diesen sollte man vermitteln, dass ihre inhaftierten Verwandten mit dem "Virus" des radikalen Islamismus "infiziert" seien und dass sie in Quarantäne und kuriert gehörten; die Studenten sollten dankbar sein, dass die Behörden ihre Verwandten zur Umerziehung mitgenommen hätten.

Die von der US-Zeitung aufgearbeiteten Dokumente lassen erstmals erkennen, wie innerhalb der KP und der Behörden die Kommunikation ihren Weg nahm hin zu den Indoktrinationslagern in Xinjiang und wie die KP die muslimischen Minderheiten im Nordwesten zu KP-treuen Bürgern umerziehen will.

Das für die KP-Parteiführung brisante Material erhielten die Journalisten von einem anonym gebliebenen Mitglied des politischen Establishments. Laut Times hoffe er, dass die Veröffentlichung verhindere, dass die KP-Führung und ihr Chef Xi sich ihrer Schuld für die Masseninhaftierungen in Xinjiang entziehen können. Möglich ist auch, dass Xi Jinping und seiner Fraktion mit dem Durchstecken der Dokumente innerhalb der KP geschadet werden soll. Xi hatte in den vergangenen Jahren Macht in einem Ausmaß zentralisiert, wie man es aus Zeiten von Mao Zedong kannte. Auch eine dritte Variante ist möglich: Dass der anonyme Informant beide Ziele verfolgt.