Es gibt in der Politik die Wirklichkeit, und es gibt deren Darstellung. Mächtige handeln, verhandeln, entscheiden, meist hinter verschlossenen Türen – und hinterher treten ihre Sprecherinnen und Sprecher vor Mikrofone und erklären, was geschehen ist. Oder sie behaupten etwas ganz anderes, falls sie etwas verbergen möchten. Das tatsächliche und das dargestellte Handeln sind die zwei Ebenen der Politik, und oft sind sie endlos weit voneinander entfernt.

Und dann gibt es Tage wie den gestrigen. Wenn Politik erfahrbar wird, nachvollziehbar und glasklar. Wer keiner Partei angehört und auch sonst keine Interessen hat in diesem gewaltigen Machtspiel, das in Washington, D.C., derzeit verschärft ausgetragen wird, konnte anschließend nur sagen: Politik kann ganz einfach sein, es ist ja alles dokumentiert und bewiesen.

Auf eine Reise in die Welt Donald Trumps

Es war kurz vor zehn Uhr Ortszeit in Washington, D.C., als die ersten beiden Zeugen dieser öffentlichen Anhörungen vor einem möglichen Amtsenthebungsverfahren gegen Präsident Donald Trump ihre Plätze in Saal 1100 des Longworth-Gebäudes auf dem Kapitol einnahmen. Viel dunkles Holz gibt es dort, Kronleuchter, Säulen. Der amtierende US-Botschafter in der Ukraine, William B. Taylor junior – Diplomat und Staatsdiener durch und durch – sowie der Vizestaatssekretär im Außenministerium, George P. Kent – gleichfalls Diplomat durch und durch, zudem Liebhaber origineller Fliegen und passender Einstecktücher –, redeten ruhig und sicher. Bill Taylors Bass erinnerte an Walter Cronkite, den Altstar der TV-Moderatoren. Und so nahmen die beiden Zeugen ihr Publikum, den Geheimdienstausschuss des Repräsentantenhauses und den fernsehenden Rest der Nation, nun mit auf eine Reise in die Welt Donald Trumps.

George P. Kent, Vizestaatssekretär im Außenministerium, während einer Pause © Drew Angerer/​Getty Images

Die beiden erzählen zunächst von sich und all den anderen Mitarbeitern des State Departments, denen nicht so sehr an einzelnen Parteien oder gar Präsidenten liegt, sondern die ganz selbstverständlich für ihr Land arbeiten. Und die eine außenpolitische Linie vertreten, über die in den USA Einigkeit besteht. Oder bestand. In diesem Fall hieß das: die Ukraine zu stärken, damit sie sich nach der Annexion der Krim durch Russland nach Westen und nicht nach Osten ausrichtet. 

Donald Trump ging es laut Taylor und Kent um etwas ganz anderes: Er sah in der Ukraine eine Möglichkeit, seinen möglichen Herausforderer bei der Präsidentschaftswahl 2020, Joe Biden, zu diskreditieren. Sie bestätigen den Bericht des Whistleblowers: Trump habe den neuen ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj zwingen wollen, Ermittlungen gegen Bidens Sohn Hunter Biden aufzunehmen. Außerdem habe er ihn gedrängt, wegen einer nie bewiesenen Verschwörungstheorie zu ermitteln: dass die Ukraine versucht habe, die Wahl von 2016 zu Trumps Ungunsten zu manipulieren.

Donald Trump - "Impeachment … deswegen?" Die Ukraine-Affäre könnte den US-Präsidenten das Amt kosten. Oder? Wie es zu dem Skandal kam und wie das Amtsenthebungsverfahren ablaufen würde, erklärt Rieke Havertz im Video.

Trump wollte an allen Instanzen vorbei kommunizieren

Dazu habe Trump einen inoffiziellen Kommunikationskanal an Botschaftern, State Department und Nationalem Sicherheitsrat vorbei organisiert, gesteuert von seinem Privatanwalt Rudy Giuliani. Den Zeugen zufolge ließ er militärische Hilfsmittel im Wert von 391 Millionen US-Dollar einfrieren, obwohl der Kongress das Geld freigegeben hatte. Er verweigerte Selenskyj einen Empfang im Weißen Haus, den dieser als neuer Präsident gebraucht hätte, um daheim und vor allem gegenüber Wladimir Putin Autorität zu erlangen.

Bis zu jenem Telefonat am 25. Juli, an dem Trump Selenskyj um einen "Gefallen" bat.

Da jede Menge Mails, SMS, vertraulich gemachte Aussagen und der Bericht des Whistleblowers vorliegen, der die Staatsaffäre auslöste, wird schon am Ende dieses ersten Tages deutlich: Trump hat Russland wieder und wieder strategische Vorteile verschafft und der Ukraine und den USA geschadet. Und er hat von einer ausländischen Macht Einmischung und Hilfe für den kommenden Wahlkampf erbeten, was gegen US-Wahlgesetze verstößt.

Ukraine-Botschafter William Taylor gab bei der Vernehmung zu Protokoll, er habe Donald Trumps Strategie für "verrückt" gehalten. © Olivier Douliery/​AFP/​Getty Images

Ukraine-Botschafter Taylor sagte dann noch, einer seiner Mitarbeiter habe gehört, wie der Präsident sich einen Tag nach dem Telefonat mit Selenskyj beim US-Botschafter bei der EU, Gordon Sondland, erkundigt habe, ob und wie die Ermittlungen gegen Vater und Sohn Biden liefen. Er selbst habe Trumps Versuch, die Forderung nach Ermittlungen mit der Militärhilfe zu verknüpfen, schlichtweg für "verrückt" gehalten.