Ein UN-Team geht Berichten über Polizeigewalt und Menschenrechtsverletzungen während der anhaltenden Proteste in Chile nach. Die Gutachter hörten am Freitag zahlreiche Schilderungen über Augenverletzungen, gebrochene Knochen und andere gravierende Verletzungen, die durch Gummigeschosse der Polizei oder Tränengas verursacht worden seien. Man sei sich sicher, dass die Polizei ihren eigenen Richtlinien zum angemessenen Einsatz von Gewalt nicht gefolgt sei, sagte der Arzt Enrique Morales.

Innenminister Gonzalo Blumel wies die Vorwürfe zurück. Die Polizei sei "vom ersten Moment an" angehalten worden, bei der Wahrung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit das Protokoll zu beachten. Zudem wiesen die Behörden darauf hin, dass mindestens 76 Beamte bei Attacken von Demonstranten verletzt worden seien.

Bislang 20 Tote

Mindestens 20 Menschen kamen bisher während der Proteste um, die sich im Oktober an einer geringfügigen Anhebung der U-Bahn-Ticketpreise in der Hauptstadt Santiago entzündet hatten. Doch rasch richteten sich die Demonstrationen ganz allgemein gegen soziale Missstände in einem der reichsten Länder Lateinamerikas. Aktivisten fordern höhere Löhne und Renten sowie eine verbesserte Gesundheitsversorgung. Die meisten Kundgebungen verliefen friedlich, doch es kam bisweilen zu Gewalt, Brandstiftung und Plünderungen

Nach Chile reiste das UN-Ermittlerteam auf Geheiß der chilenischen Ex-Präsidentin Michelle Bachelet, die UN-Menschenrechtskommissarin ist. Die Gutachter werden bis zum 22. November im ganzen Land Augenzeugenberichte einholen. Chiles nationales Institut für Menschenrechte, das unabhängig von der Regierung agiert, hat rund 1.600 Menschen gezählt, die bei Protesten verletzt und in Kliniken gebracht worden sein sollen. Mehrere Hundert wurden demnach angeschossen.