Boliviens ehemaliger Präsident Evo Morales hat an die Vereinten Nationen appelliert, in der politischen Krise in seiner Heimat zu vermitteln. Womöglich werde er auch Papst Franziskus um ein solches Engagement bitten, sagte Morales am Donnerstag in Mexiko-Stadt, wo er seit Kurzem im Exil lebt. Die dortige Regierung hatte ihm politisches Asyl gewährt.

Morales sagte, dass er sich nach wie vor als Präsident Boliviens betrachte. Denn das Parlament habe noch nicht über eine Billigung seines Rücktritts abgestimmt. "Wenn sie es weder angenommen noch abgelehnt haben, kann ich sagen, dass ich noch Präsident bin", sagte er.

Zudem sei ihm zugetragen worden, dass einige bolivianische Soldaten planten, gegen Offiziere zu "rebellieren", die ihn zum Rücktritt gezwungen hätten. Details über die Zahl der mutmaßlich Eingeweihten oder die Form des Widerstands nannte er nicht. Ihn habe aber der "Verrat des Oberbefehlshabers der Streitkräfte", Williams Kaliman, überrascht, sagte er. Er sei zu einer Rückkehr nach Bolivien bereit, wenn dies denn zur Befriedung des Landes beitragen würde, sagte Morales. Seine Landsleute rufe er einstweilen zur Ruhe und zum Dialog auf. "Ich will ihnen (seinen Unterstützern) sagen, dass wir die Demokratie wiederherstellen werden müssen, aber mit viel Geduld und friedlichem Kampf."

Anlass der Staatskrise in Bolivien ist die Präsidentenwahl vom 20. Oktober, nach der sich Morales zum Sieger erklärt hatte. Seine Gegner kritisierten Unregelmäßigkeiten und warfen ihm Wahlbetrug vor. Eine Prüfkommission der Organisation Amerikanischer Staaten gab ihnen schließlich recht und forderte eine Neuwahl. Morales weigerte sich zuerst, legte aber letztlich nach wochenlangen Protesten und auf Druck der Militärführung sein Amt nieder

Politische Krise noch ungelöst

Um das Machtvakuum nach Morales' Rücktritt zu füllen, hat sich die bisherige zweite Vizepräsidentin des Senats, Jeanine Añez, angesichts etlicher weiterer Rücktritte zur Übergangsstaatschefin erklärt. Doch Morales' Anhänger, die im Kongress eine Zweidrittelmehrheit haben, boykottierten eine Sitzung, die sie am Dienstag zur Bestätigung ihres Machtanspruchs angesetzt hatte. Daher war das Parlament nicht beschlussfähig.  

Seit Tagen demonstrieren Tausende Morales-Anhänger auf den Straßen der Hauptstadt La Paz; bei Zusammenstößen mit Polizei und Militär wurden 20 Menschen verletzt. Die USA warnen vor Reisen in das Land und zogen ihr Botschaftspersonal ab.

Interimspräsidentin kritisiert Mexikos Regierung

Añez hat viele weitere Hürden zu bewältigen. Gemäß der Verfassung muss ein Übergangspräsident binnen 90 Tagen eine Neuwahl organisieren. Añez stellte am Donnerstag klar, dass sich Morales nicht erneut zur Wahl stellen dürfe. Die Verfassung sehe vor, dass ein Staatschef nur zwei Amtszeiten in Folge im Amt bleiben kann. Morales' gescheiterter Versuch, sich ein viertes Mandat zu sichern, sei die Ursache der politischen Unruhen in Bolivien, sagte Áñez. Zudem kritisierte sie die mexikanische Regierung, weil sie es zugelassen habe, dass der Ex-Staatschef von Mexiko-Stadt aus seine Anhänger mobilisieren könne.

Zugleich signalisierte die neu eingesetzte Übergangsregierung Gesprächsbereitschaft. Wie örtliche Medien am Donnerstag berichtet hatten, gebe es bereits Gespräche mit Abgeordneten von Morales' Partei MAS (Bewegung zum Sozialismus). Präsidialamtsminister Jerjes Justiniano sagte der bisherigen Regierungspartei demnach zu, sie müsse keine politische Verfolgung fürchten. "Eine Hexenjagd wird es nicht geben", hieß es.

Den Berichten zufolge hat die Interimsregierung vielmehr ihr Ziel bekräftigt, das Land zu befrieden und eine baldige Neuwahl anzusetzen. Zudem habe Interimspräsidentin Añez zugesagt, dass Morales nach Bolivien zurückkehren könne.

UN-Generalsekretär António Guterres kündigte an, seinen persönlichen Gesandten Jean Arnault nach Bolivien zu schicken. Dort solle er die Bemühungen um eine friedliche Lösung unterstützen. Morales sagte, er wünsche sich, dass die UN nicht nur als Helfer, sondern als Vermittler aufträten.