Die letzten Optimisten organisieren sich im Verborgenen. Im Kellergeschoss eines unscheinbaren Wohngebäudes, weit im alten Norden von Tel Aviv, liegt das Büro von Peace Now. Die Nichtregierungsorganisation ist eine der ältesten Friedensbewegungen Israels, und eine der wenigen, die noch für die Zweistaatenlösung kämpft. Im Flur stapeln sich Broschüren, an den Wänden hängen Fotos von Demonstrationen, manche verblassen schon. "Die Lage ist jetzt natürlich noch schwieriger", sagt Brian Reeves auf dem Weg an seinen Schreibtisch. "Aber das heißt nicht, dass sie nicht mehr zu lösen ist." Er ist der Sprecher von Peace Now. 

Knapp eine halbe Million Israelis lebt in den seit 1967 von Israel besetzten Gebieten. 150.000 mehr als noch 2014, als die letzten Friedensgespräche versandeten. Nach internationalem Recht, nach Einschätzung der UN und der EU, sind diese Siedlungen illegal. Nach Ansicht der israelischen Regierung und neuerdings auch nach Meinung der Regierung Donald Trumps sind sie es nicht. Vergangene Woche kündigten die USA an, den Siedlungsbau im Westjordanland zu billigen – und verschärfen damit einen Konflikt, für den es ohnehin kaum noch die Aussicht auf eine Lösung gibt. 

Einer der Schwerpunkte von Peace Now ist, diesen Siedlungsbau zu überwachen. Doch im Israel von 2019 gelten Sorgen um den Konflikt mit den Palästinensern nahezu als linkes Luxusproblem und die Ziele von Peace Now als naiver Kindertraum. Das Land befindet sich in einer innenpolitischen Krise, wie es sie seit der Staatsgründung vor 70 Jahren nicht gegeben hat. Nach zwei Parlamentswahlen, bei dem keiner der Gewinner eine Mehrheit zustande bekommen hat, nachdem der Generalstaatsanwalt Anklage gegen den amtierenden Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu erhob, fürchten viele Israelis wie auch Brian Reeves um die Zukunft der liberalen Demokratie. Die Hoffnung auf eine Zweistaatenlösung, die keine der führenden Parteien überhaupt noch auf der Agenda hat, gibt Reeves dennoch nicht auf.  

Mithilfe einer Entschädigung, so argumentiert Peace Now, würde ein Teil der Siedler die Koffer packen und sich diesseits der Grenze ein Zuhause suchen – das zeigten Umfragen. "Nach unserem Plan müssten 75 Prozent der Siedler ihre Häuser gar nicht verlassen, die anderen 25 Prozent würden mit 200.000 bis 500.000 US-Dollar pro Familie entschädigt", sagt Reeves. Innerhalb der öffentlichen Debatte steht die Organisation mit diesem Plan weitgehend allein da. Fachleute kritisieren, anstatt auf die politische Wirklichkeit zu reagieren, klammere sich Peace Now an Ideen, die noch aus der Zeit der mehrmals gescheiterten Friedensverhandlungen stammen.

"Wir kommen langsam an den Point of no Return"

Auf seinem Schreibtisch hat Reeves eine Karte ausgebreitet, er weist auf die einzelnen Siedlungen, rot leuchtende Punkte auf braunem Hintergrund. Die meisten liegen rings um Jerusalem, hinter der dicken grünen Linie, der offiziellen Staatsgrenze. Würden sie sich farblich nicht so stark absetzen, man könnte die Siedlungen für Vorstädte Jerusalems halten. Faktisch, auch wenn Reeves das nicht gern sagt, sind sie das längst auch: "Wir kommen langsam an den Point of no Return", gesteht er ein.

Um zu verstehen, wie fern der Realität Reeves Hoffnungen sind, muss man raus aus dem Keller, raus aus Tel Aviv. Seit zwei Jahren bietet eines der größten Busunternehmen Israels Direktverbindungen von Jerusalem nach Hebron im Westjordanland an. So festgefroren der Nahostkonflikt von außen wirken mag, in Hebron, der Ruhestätte Abrahams, dem Stammvater der Juden – in diesem von extrem rechten Siedlern besetzten Gebiet schwelt der Konflikt ständig, regelmäßig flammt er auf. Mal werfen Palästinenser Steine auf die israelischen Busse, mal reißen rechte Siedler Olivenhaine von Palästinensern ein. "Schauen Sie, dass Sie nicht bis nach Anbruch der Dunkelheit bleiben", rät die Ticketverkäuferin am Busbahnhof. "Hebron ist kein netter Ort." 

Siedlungen illegal?

Der Bus rollt über die breiten Ausfallstraßen, hinaus aus Jerusalem. Vor den Fenstern aus Panzerglas zieht Beit Safafa vorbei, ein Ort, von dem kaum noch etwas übrig ist. Seit mehr als fünf Jahren baut die Stadt an einer neuen Straße. Sie führt mitten durch das kleine palästinensische Dorf direkt hinter der Grünen Linie. Über die Grenze hinweg soll die Straße Jerusalem mit der Siedlung Gilo verbinden. Ab und an hält der Bus, Männer mit Kippa, Frauen mit Perücke und eine junge Soldatin steigen ein. Gal, die dunklen Locken locker zusammengebunden, die Nägel weiß lackiert, ist 19 und absolviert ihren Militärdienst in der Nähe von Hebron. "Acht Monate habe ich hinter mir", sagt sie. "Ich zähle die Tage." 

Keine Stunde dauert die Fahrt über die gut ausgebaute Straße mitten durch die karge Landschaft. Beim Anblick der grünen Olivenhaine, die sich über die wüstenroten Hügel ziehen, lässt sich für einen Moment vergessen, dass das militärisches Kampfgebiet ist. Vor jeder Ausfahrt zu einem palästinensischen Dorf warnen roten Schilder Israelis vor Zutritt, warten israelische Soldaten in Schutzmontur. Auch vor jeder Siedlung wachen Grenzposten, die Einfahrten sind mit Schranken geschützt. Sie würde nach ihrem Militärdienst gern Internationale Beziehungen studieren, erzählt die junge Soldatin Gal während der Fahrt. Auf die Frage, was sie zur der Entscheidung Trumps sage, die Siedlungen zukünftig zu billigen, reagiert sie irritiert. "Ich wusste gar nicht, dass sie jemals illegal waren."