ZEIT ONLINE: Wenn das Vereinigte Königreich die EU verlassen hat – was bleibt dann noch? Das Commonwealth? Die besondere Beziehung zu den USA?

Waldegrave: Das Commonwealth ist ein ganz netter Verein, aber kein Zentrum geopolitischer Macht. Die besondere Beziehung zu den USA ist ein Mythos. Und jetzt haben wir auch noch unser Verhältnis zu Europa ruiniert. Wir müssen uns etwas Neues ausdenken.

ZEIT ONLINE: Boris Johnson macht nicht den Eindruck, als ob er sich etwas Neues ausdenken will. Vielmehr sieht es danach aus, als zerstöre er den Ruf Großbritanniens, ein stabiles Land zu sein.

Waldegrave: Ich befürchte, dass wir in unserer langen Debatte über den Brexit einige zentral wichtige Institutionen beschädigt haben – ich hoffe natürlich, nicht unwiderruflich. Ich hätte nie gedacht, dass konservative Politiker einmal die Bank von England angreifen würden. Wir haben auch das Parlament beschädigt und sogar die Monarchie. Dabei können wir froh sein, dass wir ein unpolitisches Staatsoberhaupt haben: die Königin. Wenn unser Staatsoberhaupt ein ehemaliger Politiker gewesen wäre, dann hätte sich diese Person sicher in all das hineinziehen lassen.

ZEIT ONLINE: Was würden Sie einem Politiker wie Boris Johnson raten, der bereitwillig alles in Kauf nimmt, um den Kampf um den Brexit zu gewinnen?

Waldegrave: Ich bin ein Konservativer, kein Anarchist. Ich halte es nicht mit den Leuten, die sagen: Jagen wir mal alle Institutionen in die Luft und sehen, was dann passiert. Es dauert Jahre, diese Institutionen zu schaffen, und man muss sehr darauf achten, sie nicht zu zerstören. Derzeit scheint es in Mode, alles Disruptive gut zu finden. Ich finde das nicht gut.

ZEIT ONLINE: Boris Johnson würde argumentieren, drei Jahre sind einfach zu lang und Institutionen wie das Parlament untergraben den demokratischen Willen des Volkes.

Waldegrave: Ich finde, es ist gar nicht schlecht, dass das Parlament Schwierigkeiten macht. Es erfüllt seine Aufgabe, nämlich in einer Situation zu vermitteln, in der 52 Prozent des Volkes eine Sache wollten und 48 Prozent eine andere. Wenn sich nur 600.000 Menschen anders entschieden hätten, wäre jetzt alles anders. Es ist sehr schwierig, parlamentarische Demokratie mit direkter Demokratie zu mischen. Ich halte die parlamentarische Demokratie für das bessere System, denn wir wissen von zahlreichen Ländern, dass Volksabstimmungen missbraucht werden können.

ZEIT ONLINE: Wie in diesem Fall? 

Waldegrave: Die EU zu verlassen ist eine Entscheidung mit verfassungsrechtlicher Konsequenz und jedes vernünftige Land hätte dafür eine höhere Schwelle angesetzt als eine Volksabstimmung.

ZEIT ONLINE: Handelt Boris Johnson verantwortungslos?

Waldegrave: Sein Ton war in der Vergangenheit oft verantwortungslos, aber meiner Meinung nach hat er sich im Amt gut geschlagen. Den verantwortungslosen Ton hat er aus früheren Zeiten beibehalten. Vielleicht ist er einer von den Menschen, die sich als besser erweisen, wenn sie echte Aufgaben zu erledigen haben.

ZEIT ONLINE: Wird es Unruhen geben, wenn der Brexit nicht gelingt?

Waldegrave: Wir werden den EU-Austritt durchziehen müssen. Denn sonst könnte ein gefährlicher Mythos von Verrat in Großbritannien entstehen. Großbritannien kann meiner Einschätzung nach sowohl außerhalb als auch innerhalb der EU existieren, wenn wir uns denn einmal entschieden haben, was wir wollen. Ich fände es aber persönlich beängstigend, das Ergebnis der Volksabstimmung ins Gegenteil zu wenden. Das könnte unsere Politik auf lange Zeit vergiften.