ZEIT ONLINE: Aber außerhalb der EU zu leben, wird deutlich schwerer mit dem Deal, den Boris Johnson ausgehandelt hat, oder?

Waldegrave: Das hängt alles von dem ab, was als Nächstes geschieht. Wenn wir in den kommenden zwei, drei Jahren ein vernünftiges Freihandelsabkommen vereinbaren, wird sich unsere Wirtschaft langsam erholen und wir werden uns den neuen Bedingungen anpassen. Das wäre kein Weltuntergang. Natürlich kann man den Deal von Boris Johnson kritisieren, aber er ist besser als der von Theresa May. Ihrem Deal kann man vorhalten, dass wir nur unsere Stimme in den EU-Institutionen aufgäben, aber eigentlich geblieben wären, was die schlechteste aller Lösungen gewesen wäre. Der jetzige Deal hat zumindest ein Element, das auf einen wirklichen Austritt hinweist.

ZEIT ONLINE: Aber rechtfertigt das die hohen Kosten?

Waldegrave: Ich wäre lieber in der EU geblieben. Aber jetzt wäre es gefährlicher, das Ergebnis des Referendums zu revidieren, als die wirtschaftlichen Kosten zu akzeptieren. Der politische Schaden wäre einfach zu hoch. Als ehemaliger Staatssekretär im Finanzministerium sehe ich wirtschaftliche Prognosen auch etwas skeptisch. Sie basieren immer auf der Annahme, dass alles so weitergeht wie bisher. Und wir EU-Anhänger sollten wissen, dass es nichts bringt, Leuten, die von Selbstbestimmung reden, mit wirtschaftlichen Argumenten zu kommen.

ZEIT ONLINE: In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Großbritannien die EU nicht verlassen kann, ohne Nordirland und Schottland zu verlieren. Ist der Brexit der erste Schritt zur Auflösung des Vereinigten Königreiches?

Waldegrave: Das ist möglich. Eventuell verlieren wir beide.

ZEIT ONLINE: Wo sehen Sie das größere Risiko, in Nordirland oder Schottland?

Waldegrave: In Nordirland gibt es Bürger, die die Union jetzt wegen der Veränderungen in Irland verlassen wollen. Die Republik Irland ist heute ein im Großen und Ganzen modernes Land. Das war in den Fünfziger- und Sechzigerjahren nicht so. Zu den Zeiten von Éamon de Valera wurde Irland wie eine Theokratie geführt. Das Land wurde von der Kirche beherrscht und war sehr korrupt. Damals konnte man als moderater Nationalist in Nordirland gegen eine Wiedervereinigung Irlands sein. Aber heute halten viele in Nordirland die Republik Irland für komplett reformiert. Es ist ein modernes Land. Und deshalb gibt es ein echtes Risiko, dass wir Nordirland verlieren.

ZEIT ONLINE: Wie wird Großbritannien in einigen Jahren aussehen?

Waldegrave: Ich kann natürlich nicht in die Zukunft sehen. Aber ich glaube, falls wir doch in der EU bleiben sollten, dann dürfen wir nicht mehr so halbherzig sein. Wir müssten dann sagen: Nach dieser schrecklichen Zeit strengen wir uns an, daraus einen Erfolg zu machen. Wir müssten dann echte Partner in der EU sein.

Aber wenn wir die EU verlassen, was ich für wahrscheinlicher halte, dann muss uns klar sein, dass wir nicht in die Zeiten des Imperialismus zurücksegeln können. Wir sollten nicht versuchen, über unserer Gewichtsklasse zu kämpfen, sondern in unserer eigenen. Wozu brauchen wir einen Sitz im Sicherheitsrat? Warum brauchen wir Atomwaffen? Warum versuchen wir, zwei verschiedene Flugzeugträgertypen zu unterhalten, wenn selbst die USA nur acht haben? Weil wir immer noch glauben, wir gehörten zur weltbeherrschenden Gruppe, wie es nach 1945 für einige Jahre der Fall war. Aber das tun wir nicht mehr.

ZEIT ONLINE: Was ist dann die Alternative?

Waldegrave: Es gibt eine sehr gute Alternative: Wir können ein mittelstarkes Land mit einer mittelstarken Wirtschaft und großartiger Wissenschaft und tollen kulturellen Errungenschaften sein. Wir sind ein Land mit sehr vielen Aufgaben im Inneren, um die wir uns lange nicht gekümmert haben, zum Beispiel die benachteiligten ehemaligen Industriegebiete im Norden Englands. Es gibt viele Probleme hierzulande, die wir lösen müssen. Am Ende könnten wir ein Land wie Kanada sein.